Wirtschaftspolitik - Neue Köpfe
Die bergischen Städte haben gewählt. Was Miriam Scherff, Daniel Flemm und Sven Wolf an den Chefposten ihrer jeweiligen Stadt bewegt und was sie für die Wirtschaft voranbringen wollen: drei Interviews.
Frau Scherff, Sie sind mit knapp 75 Prozent der Stimmen in der Stichwahl Oberbürgermeisterin geworden und zudem vom Capital Magazin in die „Top 40 unter 40“ gewählt worden. Wie be-werten Sie den Erfolg und die Aufmerksamkeit? Setzt Sie das unter Druck?
Der Wahlerfolg ist für mich ein Auftrag der Bürgerinnen und Bürger. Er bestätigt das Vertrauen in eine frische, zukunftsorientierte Politik, die Bildung stärkt und die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt nachhaltig gestalten will. Gleichzeitig ist der Erfolg eine Verpflichtung, immer nah bei den Menschen zu bleiben. Ja, der Erfolg bringt Aufmerksamkeit mit sich – aber die empfinde ich nicht als Druck. Sie bedeutet für mich, belastbare Ergebnisse zu liefern und die Menschen für Wuppertal zu begeistern. Das Potenzial unserer Stadt ist so groß! Das möchte ich sichtbar machen.
Sie haben Bildung und Wirtschaft als wichtigste politische Themen benannt. Wie hängen die Themen zusammen?
Bildung und Wirtschaft gehören zusammen wie zwei Seiten einer Medaille: Nur mit guter Bildung entstehen qualifizierte Fachkräfte, innovative Ideen und eine konkurrenzfähige Wirtschaftsstruktur. Das heißt konkret: mehr Praxispartnerschaften mit Unternehmen, moderne Angebote zur Berufsorientierung sowie Hochschul- und Forschungskooperationen. Wir müssen die Attraktivität der dualen Ausbildung mehr in den Fokus rücken. Deshalb freue ich mich, dass wir mit dem Bergischen Bildungscampus einen Meilenstein setzen können. Auf dem ehemaligen Schaeffler-Gelände planen die Vereinigung Bergischer Unternehmerverbände und die Kfz-Innung Wuppertal der Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal einen modernen Lern- und Weiterbildungsort für Berufe aus dem Metall- und dem Kfz-Bereich. Das ist ein starkes Signal für die Nachwuchsgewinnung der Industrie und des Handwerks in der Region.
Die Wirtschaft klagt über die Bürokratie, über Mangel an Flächen und Fachkräften. Haben Sie Beispiele, wie Sie die Wirtschaft dahingehend konkret fördern wollen?
Als Stadt versuchen wir, soweit es die rechtlichen Vorgaben erlauben, Bürokratieprozesse durch vereinfachte Genehmigungswege und digitale Verfahren zu verschlanken. Dabei setzen wir auf eine direkte und frühzeitige Ansprache der Unternehmen. Was Gewerbeflächen angeht, stehen die meisten Kommunen vor derselben Herausforderung: Neubauflächen sind rar. Deshalb setzen wir auf die nachhaltige Reaktivierung von Brachflächen und -immobilien. Ganz ohne Ausweisung neuer Gewerbeflächen wird der Standort auf Dauer aber nicht wettbewerbsfähig sein. Der dritten großen Herausforderung, dem Fachkräftemangel, wollen wir durch verschiedene Formate begegnen. Fachkräfte möchte ich durch lokale Qualifizierungsinitiativen, Matching-Veranstaltungen, Ausbildungs- und Weiterbildungsförderung sowie Kooperationen mit Schulen, Hochschulen und Kammern fördern. Ein wichtiges Instrument ist die konsequente Entwicklung der Jugendberufsagentur, denn sie soll genau dafür sorgen, dass junge Menschen die für sie passende Ausbildung finden. Wir müssen aber auch über die Stadtgrenze hinaus den Standort viel stärker bewerben. Wuppertal hat viele tolle Arbeitgeber. Und ist dank eines breiten Kulturangebots, der Natur und des bezahlbaren Wohnraums eine Stadt mit viel Lebensqualität. Das müssen wir über eine moderne Dachmarke und ein abgestimmtes Standortmarketing mehr nach außen tragen.
Wie soll die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft / IHK aussehen? Was wird anders?
Mir ist wichtig, nah an den Unternehmen zu sein, ihre Bedarfe zu kennen und abgestimmte Serviceangebote zu entwickeln. Mit der Wirtschaftsförderung sind wir dabei auf einem guten Weg. Hier konnten wir dieses Jahr den Unternehmensservice ausbauen und die Innovationsnetzwerke stärken. Um die Rahmenbedingungen am Wirtschaftsstandort zu verbessern, brauchen wir auch ein enges, gut abgestimmtes Netzwerk mit Institutionen aus der Wirtschaft und dem Arbeitsmarkt. Deshalb möchte ich einen Wirtschaftsdialog etablieren, in dem Unternehmen, IHK, Wirtschaftsförderung sowie die Stadt konkrete Bedarfe, Projekte und Fördermöglichkeiten priorisieren und umsetzen. Dieser soll auf klaren Zielen, Kennzahlen und Berichtszyklen basieren. Entscheidungswege sollen transparenter, Abstimmungsprozesse effizienter und deren Ergebnisse nachvollziehbarer werden. Wichtig ist die enge Einbindung der Unter-nehmen, denn ihre Sicht aus der praktischen Wirtschaft hilft uns auf Verwaltungsebene, an den richtigen Stellschrauben zu drehen. Ich will IHK und Wirtschaft nicht nur bei den klassischen Themen ins Boot holen, sondern auch im Bereich der Sozialpolitik in Wuppertal und in grundsätzlichen Fragen etwa der Mobilität oder der Entwicklung eines attraktiven Standortmarketingkonzepts. Ziel ist eine Stadt, in der Politik und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten.
Herr Wolf, Sie kommen aus dem Landtag an die Rathausspitze. Was wird sich für Sie in der politischen Arbeit ändern?
Die größten Unterschiede zwischen dem Landtag und dem Rathaus liegen in der Perspektive, dem Aufgabenfokus und der Arbeitskultur. Im Landtag stand die Gesetzgebung und politische Gestaltung auf Landesebene im Vordergrund, oft mit breiter parlamentarischer Kooperation und formellen Abläufen. Im Rathaus geht es dagegen stärker um unmittelbare Umsetzung vor Ort: konkrete Entscheidungen für die Stadt, schnelle Umsetzung von Projekten, Bürgernähe und effiziente Verwaltung.
Remscheid ist als traditioneller Industriestandort besonders von wirtschaftlichen Veränderungen und internationaler Politik betroffen. Was können Sie als OB und Verwaltung für den Standort tun?
Die aktuelle Konjunkturkrise ist für uns als Stadtverwaltung kein Grund, auf die Bremse zu treten. Im Gegenteil: Es ist ein klarer Auftrag, die strukturellen Probleme dahinter jetzt erst recht anzupacken. Mein Antrieb ist, dass Remscheid der attraktivste Wohn- und Arbeitsort zwischen Rheinschiene und Ruhrgebiet wird. Die Stadtverwaltung und insbesondere unsere Wirtschaftsförderung verstehen sich dabei als Ihr Partner. Als „One-Stop-Agency“, die Genehmigungen beschleunigt und Sie umfassend betreut. Im Wahlkampf habe ich dabei immer von Wachstumstreibern gesprochen: Flächen, Fachkräfte und Forschung.
Die Wirtschaft klagt über die Bürokratie, über Mangel an Flächen und Fachkräften. Haben Sie Beispiele, wie Sie die Wirtschaft dahingehend konkret fördern wollen?
Wer in Remscheid investieren will, stößt räumlich an seine Grenzen. Der derzeit angemeldete Bedarf an Gewerbeflächen beläuft sich auf rund 30 Hektar. Daher werde ich zwei ganz konkrete Projekte weiter vorantreiben: Im Bereich der Borner Straße wird derzeit ein Strukturkonzept für insgesamt 14 Hektar erstellt sowie eine Rahmenplanung von insgesamt 7 Hektar. Das zweite große Projekt ist das Interkommunale Gewerbegebiet Gleisdreieck. Ein dickes Brett, ich weiß das. Aber wir packen es an – und zwar im Geiste guter bergischer Zusammenarbeit. Deshalb werde ich mich zeitnah mit meinen Amtskollegen aus Wermelskirchen und Hückeswagen treffen und das Thema auf höchster Verwaltungsebene weiter vorantreiben. Das zweite Wachstumsziel steht für die Fachkräfte. Ohne gut ausgebildete Menschen in den Betrieben bringen auch neue Gewerbeflächen wenig. Der Wettbewerb um die klügsten Köpfe und die fleißigsten Hände ist härter denn je. Diese Menschen gewinnen wir nur, wenn Remscheid mehr bietet als nur einen Arbeitsplatz. Wir müssen Lebensqualität bieten. Lassen Sie mich auch hier ein Beispiel nennen, wie dies gelingen kann: verlässliche Kinderbetreuung. Die Stadt hat den Rechtsanspruch auf einen Ü3-Kitaplatz zu erfüllen und muss hier liefern. Durch die gute Vorarbeit in meinem Hause werden wir zeitnah den Bau von zwei Kitas mit 280 Plätzen beschließen können. Diese Einrichtungen werden voraussichtlich Anfang 2027 an den Start gehen und das Platzdefizit deutlich reduzieren. Vier weitere Kitas sind für 2028 in der Planung, so dass ich zum jetzigen Zeitpunkt zuversichtlich bin, dass zukünftig keine Vermittlung von Arbeits- und Fachkräften durch fehlende Betreuungskapazitäten in Remscheid scheitern wird. Als Oberbürgermeister setze ich außerdem gezielt auf den Abbau von Bürokratie, um unsere Wirtschaft spürbar zu entlasten und Investitionen zu beschleunigen. Ich werde Verwaltungspro-zesse konsequent digitalisieren und medienbruchfrei gestalten, sodass Anträge online gestellt, bearbeitet und transparent nachverfolgt werden können. Genehmigungsverfahren sollen klare Zuständigkeiten, verbindliche Bearbeitungsfristen und feste Ansprechpartner erhalten. Mein Ziel ist eine moderne, serviceorientierte Verwaltung, die nicht bremst, sondern ermöglicht – schnell, transparent und verlässlich.
Wie soll die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft / IHK aussehen? Was wird anders als zuvor?
Bereits meine Vorgänger hatten einen intensiven Kontakt zur Industrie- und Handelskammer aufgebaut und damit eine solide Grundlage geschaffen. Diese bewährte Basis möchte ich nahtlos fortführen und gezielt ausbauen, um vor Ort messbare Ergebnisse zu erzielen. Die Zusammenarbeit mit der IHK sehe ich als strategisches Bindeglied zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der Region.
Herr Flemm, die Wirtschaft schaut gespannt auf Sie und Ihre Arbeit. Die Erwartungen sind groß. Was macht das mit Ihnen zum Start der Amtszeit?
Ich nehme diese Erwartungen sehr ernst. Solingen steht wirtschaftlich vor großen strukturellen Herausforderungen: sinkende Beschäftigung, der Verlust von Industriearbeitsplätzen, hohe Kosten. Dass die Unternehmen jetzt genau hinschauen, ist völlig nachvollziehbar. Für mich bedeutet das vor allem: Verantwortung übernehmen und Verlässlichkeit zeigen. Der Jahresempfang der Solinger Wirtschaft hat deutlich gemacht, dass Wirtschaft, Politik und Stadtgesellschaft be-reit sind, gemeinsam anzupacken. Dieser Schulterschluss gibt mir Rückenwind für die kommen-den Aufgaben.
Wirtschaft war eines Ihrer wichtigsten Themen vor der Wahl. Was sind Ihre Ziele in den kommenden fünf Jahren?
Mein Ziel ist es, Solingen wieder zu einem starken, modernen und verlässlichen Wirtschaftsstandort zu machen. Dafür müssen wir an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen. Ein zentraler Baustein ist die Modernisierung der Verwaltung: Wir müssen schneller, digitaler und klarer wer-den. Insgesamt wollen wir Abläufe so gestalten, dass Unternehmen verlässliche und zügige Entscheidungen bekommen. Genauso wichtig ist eine Wirtschaftsförderung, die ihrem Namen gerecht wird. Ich habe im Wahlkampf gesagt, dass sie Chefsache wird – und das bedeutet mehr Begleitung, mehr Service und mehr Verlässlichkeit. Unternehmen sollen einen Partner haben, der Lösungen sucht und nicht zusätzliche Hürden aufbaut. Gleichzeitig müssen wir Solingen als starken, sicheren und sauberen Standort erhalten, denn Sicherheit und Ordnung sind entscheidende Faktoren für Unternehmen und Beschäftigte. Und nicht zuletzt spielt die Entwicklung der Innenstadt eine große Rolle. Um sie attraktiver zu machen, habe ich einen eigenen Stab eingerichtet, der die Innenstadt strategisch weiterentwickelt, Akteure, Projekte und Maßnahmen koordiniert und den Stadtteil so stark für die Zukunft macht. All diese Schritte gehören zusammen. Sie bilden das Fundament dafür, Solingen wirtschaftlich zukunftsfähig zu machen.
Die Wirtschaft klagt über die Bürokratie, über Mangel an Flächen und Fachkräften. Haben Sie Beispiele, wie Sie die Wirtschaft dahingehend konkret fördern wollen?
Ja, und wir arbeiten bereits daran. Wir wollen Bürokratie abbauen, indem wir die Verwaltung modernisieren, Prozesse digitalisieren und klare Zuständigkeiten schaffen. Die Wirtschaft soll schneller und verlässlicher Antworten bekommen – dafür brauchen wir bessere Abläufe und eine Verwaltung, die sich als Partner versteht. Gleichzeitig entwickeln wir eine Flächenstrategie, die klärt, welche Gewerbeflächen wir in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren benötigen und wie wir bestehende Flächen besser nutzen können. Das ist eine gemeinsame Aufgabe von Politik und Verwaltung. Beim Thema Fachkräfte geht es vor allem um Standortqualität: gute Kinderbetreuung, sichere Stadtteile und eine lebendige Innenstadt. Gleichzeitig wollen wir Unternehmen bei Ausbildung und Qualifizierung unterstützen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung. Sie soll künftig nicht nur verwalten, sondern begleiten – Unternehmen beraten, Prozesse beschleunigen und Netzwerke stärken. Das ist ein Kulturwandel, den wir bewusst anstoßen.
Wie soll die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft / IHK aussehen? Was wird anders als zuvor?
Ich möchte die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und der IHK auf eine neue, verlässliche Grundlage stellen. Für mich ist entscheidend, dass wir früher, offener und regelmäßiger miteinander sprechen. Die Wirtschaft hat sehr deutlich gemacht, dass sie bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und ihre Expertise einzubringen. Genau das brauchen wir. Sie soll nicht erst am Ende eines Prozesses gehört werden, sondern von Anfang an. Gleichzeitig wollen wir Wirtschafts- und Bildungspolitik stärker miteinander verzahnen. Gemeinsam mit IHK und Handwerkskammer wollen wir daran arbeiten, Qualifizierungsangebote auszubauen und Menschen für die Berufe zu gewinnen, die unsere Region in den kommenden Jahren dringend braucht. Und schließlich geht es um Verlässlichkeit. Die Wirtschaftsförderung soll stärker als zentrale Anlaufstelle wirken, die Unternehmen begleitet und Prozesse koordiniert. Wir wollen eine Verwaltung, die Entwicklungen unterstützt statt sie auszubremsen. Kurz gesagt: Wir wollen eine Partnerschaft auf Augenhöhe – offen, konstruktiv und lösungsorientiert. Wenn uns das gelingt, können wir Solingen wirtschaftlich stabilisieren und weiterentwickeln.