Kommentar - Ohne Wirtschaft geht es nicht!
IHK-Präsident Henner Pasch erwartet von der Politik deutliche Signale des Aufbruchs und eine Einbindung der Wirtschaft.
Unternehmen warten auf eine Baugenehmigung im Bergischen Städtedreieck bis zu 400 Tage. Der Beschäftigungsstand in unserer öffentlichen Verwaltung erreicht – auch ohne den dringend notwendigen Zuwachs im Bildungsbereich – immer neue Rekorde. Gleichzeitig liegen wir beim Digitalisierungsgrad von Verwaltungsleistungen auf den hinteren Plätzen und werden von Städten wie Ulm, Essen und Trier deutlich abgehängt. Der Krankenstand in der öffentlichen Verwaltung liegt spürbar über dem Gesamtdurchschnitt aller Beschäftigten. Unterdessen verliert die verarbeitende Industrie in unserer Region Quartal für Quartal hunderte Arbeitsplätze. Arbeitsplätze, die nicht zurückkehren, wenn sie einmal verloren sind. Arbeitsplätze, die unseren Wohlstand sichern und das Allgemeinwohl finanzieren.
Natürlich sind nicht alle Probleme hausgemacht, und viele Lösungen lassen sich nicht allein auf regionaler Ebene finden. Umso wichtiger ist es jedoch, den eigenen Handlungsspielraum entschlossen zu nutzen – im Dialog zwischen Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Veränderung fängt vor der eigenen Haustür an.
Im Herbst letzten Jahres hat sich die Politik im Städtedreieck neu aufgestellt. Im Wahlkampf wurde dabei stets betont, dass man die Wirtschaft und ihre Anliegen versteht. Es war viel die Rede von der Entwicklung von Gewerbegebieten. Auch Schulen und Bildung sowie Bürokratieabbau standen im Fokus – Themen, bei denen Politik, Verwaltung und Wirtschaft nur gemeinsam vorankommen können.
Diesen Neustart der Politik gilt es jetzt zu nutzen. In vielen Gesprächen wird deutlich, dass die Herausforderungen gesehen werden und der Wille zur Veränderung vorhanden ist. Entscheidend ist nun, diesen Willen sichtbar zu machen – durch klare Prioritäten, nachvollziehbare Ziele und eine Agenda, die gemeinsam mit der Wirtschaft entwickelt wird und an der sich Politik und Verwaltung bis zum Beginn des nächsten Wahlkampfs messen lassen wollen. Wir müssen jetzt dringend ins Machen kommen.
Die anstehenden Aufgaben lassen sich nur im engen Schulterschluss bewältigen. Politik und Verwaltung sind gefordert, ihre eigenen Konsolidierungsbemühungen konsequent weiterzuentwickeln. Eine kritische Überprüfung des Stellenaufbaus in der Verwaltung und eine langfristige, demografisch gestützte Trendwende gehören ebenso dazu wie die konsequente Vereinfachung von Prozessen. Gleichzeitig steht die Wirtschaft bereit, ihre Erfahrung, ihr Praxiswissen und ihre Innovationskraft aktiv einzubringen, um gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Mindestens genauso wichtig ist ein gemeinsames Verständnis über die Rolle der öffentlichen Verwaltung. Sie ist ein zentraler Partner für wirtschaftliche Entwicklung und gesellschaftlichen Fortschritt. Unternehmen und Bevölkerung müssen erleben, dass ihre Anliegen als Impuls für Verbesserung verstanden werden und dass Dialog nicht als Belastung, sondern als Ressource begriffen wird. Eine Verwaltung, die sich als moderner Dienstleister und als Partner der Wirtschaft versteht, stärkt Vertrauen und Zukunftsfähigkeit gleichermaßen.
Dabei wissen wir: Viele engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter handeln bereits heute in diesem Sinne. Ebenso ist klar, dass nicht alle Herausforderungen allein auf regionaler Ebene gelöst werden können. Umso wichtiger ist es, den eigenen Gestaltungsspielraum gemeinsam zu nutzen – mit dem Anspruch, wirtschaftliche Stärke, sozialen Zusammenhalt und ökologische Verantwortung miteinander zu verbinden.
Gerade hier liegt eine besondere Stärke unserer Region. „Bergisch“ ist mehr als die Summe seiner Einzelteile. Wenn Politik und Verwaltung mit der Wirtschaft konsequent über Stadtgrenzen hinweg zusammenarbeiten, entstehen neue Handlungsspielräume. Dafür braucht es jedoch mehr als informellen Austausch. Es braucht verbindliche Formate, klare Zuständigkeiten und den festen Willen, regionale Zusammenarbeit strukturell zu verankern.
Um die richtigen Ziele zu setzen, ist Transparenz über aktuelle Entwicklungen unerlässlich. Mit dem neuen RegionalRadar der Bergischen IHK werden wir künftig zentrale regionale Wirtschaftsdaten sichtbar machen – als gemeinsame Arbeitsgrundlage für Politik, Verwaltung und Wirtschaft. Daraus werden wir konkrete Impulse ableiten und laden im Jahr 2026 alle Partner ein, gemeinsam Verantwortung zu übernehmen und die Zukunft unserer Region aktiv zu gestalten.
Die bergische Wirtschaft wird diesen Prozess konstruktiv, lösungsorientiert und mit der notwendigen Beharrlichkeit begleiten. Denn ohne eine starke Wirtschaft lassen sich die anstehenden Herausforderungen nicht meistern.
Ohne Wirtschaft geht es nicht.
Text: Henner Pasch