Leiterin der Kinderschutzambulanz - Wohl des Kindes im Blick

Jana Ihle hat viele Jahre lang die Arbeit mit Kindern im Begegnungszentrum Alte Feuerwache in Wuppertal geprägt. Seit Juni 2025 leitet die Sozialpädagogin und Systemische Beraterin die Kinderschutzambulanz in Remscheid.

Was hat zu Ihrem Wechsel von der Alten Feuerwache zur Kinderschutzambulanz geführt?

Das war eine schwere Entscheidung, weil ich in der Feuerwache viel aufgebaut habe. Aber für mich war das eine konsequente berufliche Weiterentwicklung, mich für den Kinderschutz einzusetzen. Hier dann weniger auf struktureller Ebene, sondern jetzt ganz konkret in hochvulnerablen biografischen Punkten im Leben eines Kindes.

Welche Erfahrungen aus der Alten Feuerwache kommen Ihnen dabei zugute?

Ich habe immer in ökonomischer Verknappung gearbeitet. Es ging immer darum, Ressourcen aufzubauen in Situationen, in denen eine große Ressourcenknappheit herrscht und gleichzeitig ein sehr hoher Bedarf. Und was ich in der Feuerwache auch immer machen durfte, war, komplexe Themen, Gesellschaftsthemen in die Mitte der Gesellschaft zu vermitteln. Diese Öffentlichkeit herzustellen ist auch in der Kinderschutzambulanz enorm wichtig.

Was ist die Aufgabe der Kinderschutzambulanz?

Es geht hier bei uns immer um Kinder, die von psychischer, physischer oder sexualisierter Gewalt betroffen sind oder bei denen ein Verdacht besteht. Wir werden in der Regel von Jugendämtern angefragt, die eine interdis­ziplinäre, spezifische Psychodiagnostik eines Familiensystems benötigen, um zu fundierten Einschätzungen zu kommen – etwa, ob ein Kind aus der Familie genommen werden muss oder andere Maßnahmen der Jugendhilfe bekommt. Manchmal wenden sich auch Familien direkt an uns, oder Familiengerichte beauftragen uns mit einer Di-agnostik.

Wie läuft die Arbeit genau ab?

Wir führen nach vorgelagerten Fachgesprächen ein gemeinsames Erstgespräch mit Fachkräften und den sorgeberechtigten Personen und versuchen dabei, die Hintergründe zu erfassen und den Auftrag zu definieren. Teilweise nehmen wir das Kind mit Elternteilen oder mit einem Elternteil stationär zur Intensiv­diagnostik bei uns in der Kinderklinik auf, um auch den Umgang in Alltags­situationen zu beobachten. Viele Kinder werden zur ambulanten Diagnostik bei uns vorgestellt. Wir verschaffen uns aber auch einen Überblick über den gesamten Hilfeverlauf, fordern Vorberichte an, wir telefonieren mit Kindergärten, Schulen. Am Ende dieses Prozesses steht dann eine Risikoeinschätzung oder konkrete Empfehlung an das Jugendamt.

Was ist Ihr Job dabei?

Ich habe die Gesamtleitung und bald Geschäftsführung, weil wir gerade umwandeln von einem Verein in eine gGmbH. Eine wichtige Aufgabe ist, die finanzielle Situation abzusichern mit Spenden und Fördergeldern, die neben den von Jugendämtern bezahlten Fachleistungsstunden einen erheblichen Teil unseres Etats ausmachen. Außerdem sichte ich die Fallanfragen, priorisiere sie und begleite Erst- und Auswertungsgespräche. Und ich bin dafür verantwortlich, dass mein Team gut arbeiten kann in einem wirklich total belastenden und komplexen Arbeitsfeld.

Wie viele Leute arbeiten in der Kinderschutzambulanz?

Wir haben ein großes Diagnostiker-Team mit ca. zehn pädagogischen, medizinischen und psychologischen Fachkräften. Dazu Leute in der Verwaltung und ein Neuropädiater. Außerdem kooperieren wir eng mit der Kinderklinik, der Gynäkologie und weiteren Fachabteilungen der Sana Klinik.

Wie viele Kinder behandelt die Kinderschutzambulanz im Jahr?

Wir behandeln immer zwischen 400 und 500 Kinder, Tendenz steigend. Vom Neugeborenen bis zur Jugendlichen kurz vor der Volljährigkeit ist alles dabei.

Welche Wünsche haben Sie an die Gesellschaft und Politik bezüglich Ihrer Arbeit?

Wir dürfen das Thema Kinderschutz nicht nur an Staat und Politik adressieren. Wir müssen dieses Thema weiter in die Mitte der Gesellschaft tragen und die Sensibilität für Kinder, die unter Kindeswohlgefährdung leiden, vorantreiben. In der Schule, in der Kita, in der Nachbarschaft. Wir müssen noch aufmerksamer werden. Ich sehe aber auch, dass viele Fachkräfte unter großem Druck stehen, viele, teils hoch komplexe Fälle bearbeiten müssen. Hier müssen wir gute und verlässliche Unterstützungssysteme etablieren. Effektiver Kinderschutz funktioniert in einem verlässlichen Netzwerk.

Ihr großes Thema ist die frühkindliche Bindung. Was bedeutet das?

Wir wissen aus der Forschung, dass eine sichere Bindung zu der primären Bezugsperson in den ersten 1.000 Tagen eine wichtige Grundlage dafür bildet, wie sich Menschen entwickeln. Also für das Ausbilden unserer sozialen Kompetenzen, für die Emotionsregulation, für unsere spätere Beziehungsgestaltung, für unsere Lernmöglichkeiten. Im besten Fall wirkt diese Phase wie ein biologisches Schutzprogramm. Wenn da die Erfahrung gemacht wird, dass die Bezugsperson keine sichere Bindungsoption ist, kann das viele Folgeprobleme verursachen.

Was gefällt Ihnen im Bergischen besonders gut?

Im Bergischen gibt es eine sehr große Hilfsbereitschaft und Solidarität aus der Mitte der Bevölkerung. Also von der älteren Dame, die uns Socken strickt für die Kinder, bis zum Familienunternehmen, das Verantwortung übernimmt und kontinuierlich spendet. Ich finde, das ist ein Markenkern hier im Bergischen, dass es eine ganz starke Identifikation auch mit den Problemlagen hier vor Ort gibt.

Was ist Ihr Geheimtipp im Bergischen?

Da empfehle ich das Talflimmern-Kino im Hinterhof der Alten Feuerwache in Elberfeld. Dort werden jeden Sommer Programmfilme gezeigt, eine wirklich tolle Filmauswahl in einer sehr schönen mediterranen Atmosphäre.

Das Gespräch führte Tanja Heil.

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