Die Zuliefererindustrie beim Deutsch-Chinesischen Automobilkongress - So geht China Speed

Im November waren das Bergische Städtedreieck und „automotiveland.nrw“ Teil einer Delegationsreise deutscher Automobilunternehmen und erhielten in Chinas Industriezentren einen Einblick in Tempo, Konsequenz und Tiefe des Wandels in der Automobilbranche.

Elf Tage, drei Städte. Der Deutsch-Chine­sische Automobilkongress führte die Delegation durch zentrale Standorte der chine­sischen Automobilwirtschaft, von Xi’an über Changchun bis nach Changsha. Zwischen Xi’an und Changchun liegen rund 1.770 Kilometer Luftlinie, weiter als von Berlin nach Rom mit etwa 1.185 Kilometern. Von Xi’an nach Changsha sind es rund 1.308 Kilometer, zwischen Changchun und Changsha mehr als 2.060 Kilometer. Schon diese Distanzen zeigen, in welchen Dimensionen China denkt und organisiert.

Aus dem Bergischen waren Stephan A. Vogelskamp von „automotiveland.nrw“ und der Bergischen Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft sowie Leon Caspari von der Heismann Drehtechnik GmbH dabei.

Organisiert von der China International Investment Promotion Agency (Germany) brachte der Kongress Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Clustermanagement zusammen. Neben dem Automobilcluster Automotive BerlinBrandenburg nahmen auch Unternehmen wie Volkswagen mit der Autostadt Wolfsburg oder InterRail Europe teil. Auf der Agenda standen Konferenzen, Ausstellungen, politische Gespräche und Werksbesuche: ein dichtes Programm, das vor allem eines deutlich machte: Der technologische Abstand zwischen China und Europa wächst.

„China hat die Corona-Jahre nicht als Stillstand erlebt, sondern als Beschleunigungsphase“, sagt Vogelskamp. Während hierzulande Lieferketten stockten, Projekte verschoben wurden und Kurzarbeit den Alltag prägte, investierte China konsequent in Elektromobilität, Ladeinfrastruktur und Automatisierung. Die Ergebnisse dieser Strategie sind heute sichtbar und prägen den internationalen Wettbewerb.

Besonders eindrucksvoll wurde das in Changchun. In einer hochautomatisierten Fertigungslinie rollt dort alle sechs Minuten ein vollständig montierter und lackierter Lkw vom Band. Robotik, Prozessintegration und Effizienz greifen nahtlos ineinander. „Das ist kein Pilotprojekt, das ist industrielle Realität“, so Vogelskamp. Der vielzitierte „China Speed“ ist hier kein Schlagwort, sondern der Maßstab.

In Vorträgen und Gesprächen zog sich ein zentrales Leitmotiv durch den Kongress: Das Auto wird in China längst nicht mehr nur als Fahrzeug verstanden, sondern als robotisches Gesamtsystem. Software, Sensorik und künstliche Intelligenz stehen im Mittelpunkt. Autonomes Fahren gilt als lernendes System. Millionen von Testkilometern liefern Daten und verschaffen einen massiven Erfahrungsvorsprung. Damit verändert sich auch der Blick auf den Fahrzeuginnenraum. Große Displays, variable Sitz- und Nutzungskonzepte sowie neue Licht- und Klangdesigns verwandeln das Auto in einen mobilen Lebens- und Arbeitsraum.

„Wir reden nicht mehr einfach über Fahrzeuge, sondern über aktivitätsbezogene Nutzungsszenarien“, beschreibt Vogelskamp diesen Paradigmenwechsel. „Die zentrale Frage ist nicht mehr, wie ich von A nach B komme, sondern was ich im Fahrzeug mache, wenn ich nicht mehr selbst fahre. Ob ich arbeite, mich informiere, mich unterhalte oder erhole. Das Fahrzeug wird zu einem Raum, den ich aktiv nutzend erlebe, wohingegen das Fahren selbst in den Hintergrund tritt.“

Ein besonderer Fokus der Reise lag auf der deutsch-chinesischen Kooperation, die „automotiveland.nrw“ vor rund zehn Jahren initiiert hat. Was einst als Austausch auf Augenhöhe begann, ist heute ein strategisch wichtiger Dialog in einem deutlich veränderten Umfeld. In China wird offen formuliert: Europas industrielles Erbe trifft auf chinesische Innovationskraft.

Trotz diplomatischer Rituale, klarer Hierarchien und streng geregelter Begegnungen bleibt der Austausch essenziell. „Wer China nicht versteht, verliert den Anschluss. Gerade für eine exportorientierte Region wie das Bergische Land ist es entscheidend, Entwicklungen früh zu erkennen, Unterschiede zu akzeptieren und eigene Stärken gezielt auszubauen – etwa im hochspezialisierten Maschinenbau, in Qualität und Systemkompetenz“, betont Vogelskamp.

Zum Abschluss des Kongresses wurde die Flagge an Armin Maus, den Vorsitzenden der Autostadt-Geschäftsführung, übergeben. Der 10. Deutsch-Chinesische Automobilkongress wird im kommenden Jahr in der Autostadt Wolfsburg stattfinden – ein klares Signal für die Fortsetzung des Dialogs und die anhaltende Relevanz dieses Formats.

Text: Janina Zogass

Mit Ihrer Erlaubnis verwenden wir Google Analytics, um den Traffic auf dieser Website zu analysieren. Sie können Ihre Entscheidung jederzeit unter Datenschutzerklärung ändern.