Smarte Technologien für Wuppertal - Stadtverwaltung der Zukunft
Der „Digital-Zwilling“ der Stadt Wuppertal macht Daten in Zusammenhang mit der Stadtkarte sichtbar. Diese dreidimensionale interaktive Abbildung Wuppertals entwickelt das Ressort Vermessung, Katasteramt und Geodaten unter der Leitung von Stefan Sander.
Was kann der Digital-Zwilling?
Er schließt die Lücken zwischen den IT-Systemen einzelner Fachämter und visualisiert deren Aussagen. Simulationen zeigen zum Beispiel: Was passiert mit dem Regenwasserabfluss oder der Hitzeentwicklung, wenn man eine bestimmte Fläche versiegelt? Wie können Passantenströme bei Events gesteuert werden? Die Stadtverwaltung erhält damit ein Werkzeug zur Unterstützung von vielen alltäglichen, aber auch strategischen Entscheidungen.
Und wie kann ich ihn privat nutzen?
Wir erzeugen eine große Gruppe unterschiedlicher Anwendungen, von sehr einfachen bis sehr komplexen, und verknüpfen die Systeme so, dass die Nutzerinnen und Nutzer mühelos zu der benötigten Anwendung gelangen. Etwa zum Antrag auf eine Bordsteinabsenkung oder zu dem zuständigen Ansprechpartner in der Stadtverwaltung.
Wie baut man so einen digitalen Zwilling der Stadt auf?
Man fusioniert Fernerkundungsdaten mit weiteren Quellen, zum Beispiel Befahrungsdaten wie bei Google Street View. Dazu kooperieren wir mit dem GeoIT-Dienstleister Eftas aus Münster, dem Fraunhofer-Institut für Physikalische Messtechnik in Freiburg und der Bergischen Universität. Alle drei Partner nutzen KI – noch eine große Änderung. Fachlich haben wir es jetzt schon mit der halben Stadtverwaltung zu tun.
Was ist bereits nutzbar und was steht bis Ende 2026 noch an?
Eine erste Version der Portalkomponente – das Grundgerüst – und sehr viele spezifische Anwendungen wie der Kita-Finder oder die Starkregengefahrenkarte sind bereits online und in die Wuppertaler Homepage eingebunden. Spezielle Konfigurationen des Portals, die Fachzwillinge, werden noch erarbeitet. Wir werden bis Ende 2026 nicht alles abschließen, aber einen ziemlich beeindruckenden Stand erreichen.
Welche Rolle spielt der Digital-Zwilling für die Öffentlichkeitsbeteiligung?
Er soll zivilgesellschaftliche Akteure und Stadtverwaltung näher aneinanderrücken lassen. Wenn wir etwa Anfang 2026 die Komponente „Vorhabenkarte“ publizieren, werden dort alle maßgeblichen städtischen Projekte sichtbar gemacht, mit Erläuterungen und weiterführenden Verknüpfungen. Solche Visualisierungen bauen Befürchtungen ab, wecken Begeisterung und erzeugen eine positive und konstruktive Diskussionsatmosphäre. Sie sind auch viel niedrigschwelliger als unser Ratsinformationssystem mit seinen vielen textlastigen Vorlagen. Die Unterstützung der Bürgerbeteiligung für die Buga-Hängebrücke mit einer VR-Anwendung war bisher der stärkste Effekt, den wir in diesem Zusammenhang erzielt haben. Und im ersten Halbjahr 2026 visualisieren wir entsprechend auch die geplante Seilbahn.
Wie profitieren die Unternehmer?
Der digitale Zwilling kann Informationen zu Erreichbarkeit, Parkplatzsituation, Ladeinfrastruktur für E-Autos oder Passantenströmen liefern und damit zum Analysewerkzeug bei Standortentscheidungen werden. Die Immobilienabteilungen von Unternehmen erhalten einen schnellen Zugriff auf Registerauskünfte und auf die Leistungen im Serviceportal, dazu auch aktuelle Basisdaten wie senkrechte und schräge Luftbilder. Ein Start-up, das eine Geschäftsidee mit raumbezogenen Daten hat, könnte sich in unserem Modus „Ready-to-Hack“ Elemente des Digital-Zwillings her-unterziehen und in ein eigenes Entwicklungsprojekt auslagern. Wir sind mit unserer Wirtschaftsförderung über mögliche Partner im Gespräch, die Ideen zur wirtschaftlichen Nutzung ausprobieren wollen.
Man fragt sich schon fast, wie das alles früher gemacht wurde.
Wenn Nutzer sich das fragen, dann decken wir wohl einen intuitiv bestehenden Be-darf! In den nächsten Jahren werden wir dazu viel kommunizieren, aber wir haben auch schon jetzt eine starke Sichtbarkeit gewonnen und können bereits sehr viel zeigen.
Wie hoch ist die Förderung?
Wir haben 2,2 Millionen Projektmittel und eine Quersubvention innerhalb der Wuppertaler Smart-City-Projekte, insgesamt etwa drei Millionen Euro verteilt auf vier Jahre. Ein Folgeprojekt bis Ende 2029 ist schon gesichert. Das ist wichtig, denn in den kommenden Jahren des Haushaltssicherungskonzeptes brauchen wir weitere Fördermittel, um den Aufbau des DigiTal-Zwillings fortzusetzen. Außerdem müssen wir Community-Building mit anderen Städten und Organisationen betreiben. Dazu müssen unsere Anwendungen so gut werden, dass andere sie übernehmen wollen. Dann können wir die Kosten für zukünftige Weiterentwicklungen außerhalb von Förderprojekten gemeinsam schultern und unsere Projektergebnisse bleiben keine ein-samen Leuchttürme. Das ist durchaus realistisch, denn wir haben jetzt die Leute, das Netzwerk, alles, was man braucht, um Wirkung zu erzielen. Das nährt meinen Optimismus.
Und welche Herausforderungen gibt es noch?
Abgesehen von der Nachhaltigkeit und der Qualität der Daten, die laufend aktualisiert werden müssen, ist es die datenbasierte, fachübergreifende Zusammenarbeit: Dazu brauchen wir eine organisatorische Weiterentwicklung der Stadtverwaltung. Und das gilt nicht nur, um das Potenzial des DigiTal Zwillings zu entfesseln, sondern generell, damit wir optimal von den Möglichkeiten profitieren können, die uns die künstliche Intelligenz eröffnet.
Reformieren digitale Zwillinge das deutsche Verwaltungssystem?
Sie können flächendeckend die Verwaltung in Deutschland verändern. Wir werden auf diesem Weg von anderen inspiriert, zum Beispiel München, Hamburg und Leipzig mit ihrem gemeinsamen Projekt „Connected Urban Twins“. Wuppertal zieht die Republik nicht hinter sich her, aber wir sind schon in der Avantgarde, die das Thema kreativ bespielt. Darauf sich wir wirklich stolz! Der Fördergeber (Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen) hat eine Koordinierungsstelle gegründet, um die Modellkommunen miteinander zu vernetzen. Das sorgt für Nachhaltigkeit und Verstetigung. Städte können so Verfahren und Technologien teilen und rechenintensive Komponenten etwa vom Landesbetrieb IT.NRW betreiben lassen. Dann ist das für ganz Nordrhein-Westfalen, ganz Deutschland oder auch in ganz Europa wirtschaftlich und nachhaltig.
Das Gespräch führte Evgenia Gavrilova