Unternehmensnachfolge - Tochter als Chefin
Frauen, die von ihren Vätern die Geschäftsführung übernehmen, müssen mehr als Männer beweisen, dass sie ihr Geschäft verstehen. Das neue Rollenbild ist noch nicht in allen Köpfen angekommen.
Bei vielen Familienunternehmen steht ein Generationswechsel an. Meist sind es Männer, die das Unternehmen aufgebaut haben. Wer durch dieses Heft blättert, sieht sofort: Auch heute noch dominieren Männer in den Führungspositionen. Bei den 100 größten Familienunternehmen Deutschlands haben laut Mittelstandsverband BVMW nur 12,6 Prozent eine Frau als Geschäftsführerin. In den Vorständen mittelständischer Familienunternehmen mit 50 bis 100 Millionen Euro Umsatz sitzen nur 8,1 Prozent Frauen.
Doch die Lage ändert sich allmählich. „Die Frage der Nachfolge wird heute nicht am Geschlecht festgemacht, sondern, ob man das einem Kind zutraut und auch zumuten möchte“, stellt Andre Scheifers, IHK-Fachmann aus dem Geschäftsbereich Starthilfe, Unternehmensförderung, Recht, in vielen Gesprächen zur Unternehmensnachfolge fest. „Die Unternehmer wissen, dass die Unternehmensführung viele Entbehrungen mit sich bringt – lange Arbeitstage, Wochenendarbeit, die Verantwortung für die Mitarbeitenden. Aber oft sagen sie auch: Wer Kinder und Arbeit unter einen Hut bekommt, der kann auch ein Unternehmen leiten.“
Eine Umfrage des Wirtschaftsprüfungsunternehmens PwC zeigte, dass Familienunternehmen mit einem höheren Frauenanteil in der Geschäftsführung die Notwendigkeit der Transformation deutlich höher einschätzen als Nachwuchs-Führungskräfte in Familienunternehmen mit geringer Frauenquote. Frauen wird von PwC ein besonders kritischer Blick auf ihr Unternehmen attestiert – allerdings auch Zeitmangel beim Vorantreiben wichtiger Themen. Dieser Zeitmangel resultiert zum Teil aus der Sorgearbeit für Kinder, die Frauen neben ihrer Führungsposition erledigen.
Zunehmend gibt es jedoch junge Firmenchefinnen, die das Unternehmen in zweiter, dritter oder gar vierter Generation leiten. Während Söhne oft frühzeitig ans Unternehmen herangeführt werden, gehen viele Töchter erst ihren eigenen Weg und entscheiden sich später im Leben, das Familienunternehmen fortzuführen. Bei einigen funktioniert das problemlos, andere spüren jedoch immer noch Vorbehalte bei manchen Geschäftspartnern und Kunden.
„Wir reisen mit unseren Kunden auch zu unseren Lieferanten und besichtigen deren Werke. In der Regel sind das dann nur Männer und da merke ich unterschwellig: Die sind nicht so glücklich, wenn ich da als einzige Frau dabei bin“, erzählt Christina Kaut-Antos, geschäftsführende Gesellschafterin der Kaut-Gruppe, die Wärmepumpen und Klimatechnik vertreibt. „Es sagt niemand etwas, aber man hat das Gefühl, ein Störfaktor zu sein.“ Deshalb fährt inzwischen meist ihr Bruder mit zu solchen Werksbesichtigungen und auf Messen. Auch für Christina Kaut-Antos selbst bedeutet die Zusammensetzung von Gruppen einen Unterschied. Zwar könne sie sich – aufgewachsen mit zwei Brüdern – unter Männern gut behaupten. Aber es sei einfach netter, nicht die einzige Frau zwischen lauter Männern zu sein. Die Sprache sei eine andere, die Art der Kommunikation, die Herangehensweise.
Ein anderes Thema ist die Kinderbetreuung: Christina Kaut-Antos hat das privat geregelt. Ihr Mann ist zu Hause und kümmert sich um die drei Kinder. Stemmt alle Ärgernisse wie Schließtage in der Kita, ausfallende Schulstunden und Krankheiten der Kleinen. Aber immer wieder wird die Unternehmenschefin darauf angesprochen. Und manche wollen die in ihren Augen ungewohnte Aufteilung auch nicht akzeptieren. „Wenn im Kindergarten etwas passiert, werde immer ich angerufen – obwohl wir denen schon hundertmal gesagt haben, dass mein Mann zuständig ist. Oder andere Mütter melden sich bei mir wegen einer Verabredung der Kinder. Ich kann dazu aber nichts sagen, mein Mann hat da den Überblick“, erklärt die 44-Jährige.
Mit mangelnder Akzeptanz mancher Kunden kämpft auch Christina Clauberg, Geschäftsführerin des Textilunternehmens Dragon-Textil, das Berufskleidung und Sicherheitsschuhe vertreibt und individuell bedruckt. Eigentlich hatte sie nie vor, das Unternehmen ihres Vaters zu übernehmen. Sie machte eine Ausbildung als Damenschneiderin und studierte Bekleidungsgestaltung, machte sich selbständig mit spezieller strapazierfähiger Fahrradbekleidung, fertigte aber auch Brautkleider und Abendmode. Als ihr Vater dann in Rente gehen wollte und sich keine Nachfolge fand, entschied sie sich doch dafür, das Familienunternehmen zumindest anzuschauen. „Wir haben gut als Team zusammengearbeitet, das hat Spaß gemacht. Ich war der frische Wind und mein Vater mein Lexikon.“
Anfangs war der gemeinsame Übergang für zwei Jahre geplant gewesen, am Ende wurden sechs Jahre daraus. Seit Mai 2025 ist die 47-Jährige alleine verantwortlich. Was nicht alle Kunden gut finden. „Es ist immer noch ein sehr männerdominierter Bereich, und ich habe immer noch Kunden, die mir erklären, wie mein Job funktioniert, obwohl sie in völlig anderen Gewerken arbeiten“, sagt Christina Clauberg. Und das seien nicht nur alte Männer, sondern teilweise auch jüngere. Oder der Kunde, der sich zwar von ihr beraten ließ, die Preise aber nur „mit dem Papa“ besprechen wollte. Als dieser an seine Tochter als Geschäftsführerin verwies, ging der Kunde und kam nie wieder. „Ich glaube, ich muss die Kunden viel mehr von meinen Qualitäten überzeugen, beweisen, dass ich wirklich Ahnung habe, als das ein Mann müsste“, ist die Geschäftsführerin überzeugt.
Das bestätigt Svenja Polick, die gemeinsam mit ihrem Bruder die Geschäfte von Policks Backstube führt. „Man merkt schon als Frau, dass manche Männer einem wenig technisches Verständnis zutrauen.“ Im Gespräch gelinge es ihr aber gut, das Gegenüber zu überzeugen, dass sie Ahnung von ihrem Job hat.
Zwar absolvierte sie nach der Schule eine Ausbildung als Veranstaltungskauffrau und arbeitete einige Jahre in diesem Beruf. Denn als Jugendliche bekam sie hautnah mit, was Unternehmertum bedeutet: Verantwortung zu tragen, Risiken einzugehen und zu erleben, wie nah berufliche Entscheidungen plötzlich auch das Private berühren. Policks Backstube, ein Familienbetrieb mit über 100-jähriger Geschichte, musste 2013 Insolvenz anmelden und wurde anschließend neu gegründet. „Als Quereinsteigerin bin ich bewusst in den Betrieb gekommen, habe mir Zeit genommen, alle Bereiche (Backstube, Fuhrpark, Verkauf, Verwaltung) kennenzulernen, mitzuarbeiten, zuzuhören und zu lernen. Besonders als junge Frau im Handwerk hieß das auch, sich erst zu behaupten – in einer Backstube, die lange von Männern geprägt war und in der weibliche Führung neu war“, erzählt Svenja Polick.
Heute führt sie den Betrieb gemeinsam mit ihrem Bruder Tim. „Mit Respekt vor dem Handwerk, mit Demut vor der Geschichte – und mit der Überzeugung, dass Vertrauen, Haltung und Leidenschaft die stärksten Grundlagen für Zukunft sind“, betont sie. Vor einem halben Jahr übergab Vater Dirk Polick die Geschäftsführung an seine beiden Kinder, im Januar erfolgte eine große Abschiedsfeier. Manchmal passiere es zwar noch, dass am Telefon jemand bittet: „Kann ich den Chef sprechen?“ Aber grundsätzlich, so Svenja Polick, freuten sich Mitarbeitende, Kunden und Geschäftspartner, dass sie die Führung übernahm, und gaben ihr großen Rückhalt. Ihr ist es als Personalverantwortliche nun ein Anliegen, die Arbeitnehmer-Zufriedenheit und die Arbeitgebermarke zu stärken.
Sprüche wie „die blonde Dame“ bekommt Katharina Kaufmann häufiger zu hören. Und sie merkt, dass der ein oder andere beim ersten Zusammentreffen nicht unbedingt erwartet, dass sie sich auskennt. Aber wenn die kaufmännische Leiterin des Remscheider Familienunternehmens M. Paffrath mit guter Vorbereitung und Fakten aufwartet, sei das Thema erledigt, sagt sie: „Respekt entsteht durch Haltung, durch Verbindlichkeit und durch Klarheit, dadurch, wie ich mit den Menschen kommuniziere.“ Sobald die Kunden feststellen, dass sie ihr Problem lösen kann, werde sie ernst genommen. Die 27-Jährige teilt die Unternehmensleitung mit ihrer Mutter und ihrem Onkel. Auch ihr Großvater arbeitet teilweise noch mit. „Drei Generationen bedeuten natürlich unterschiedliche Führungs- und Kommunikationsstile, unterschiedliche Erwartungen, unterschiedliches Tempo, unterschiedliche Präferenzen für Themen“, sagt sie. Dabei treibt Katharina Kaufmann als junge Chefin Themen wie Digitalisierung und Effizienzmaßnahmen voran.
Einen Grund, den Einstieg ins Familienunternehmen gut abzuwägen, nennt Caroline Hehl, Geschäftsführerin von Hehl Galvanotronic in Solingen: Gibt es zwischen Seniorchef und Nachfolgern Meinungsverschiedenheiten, kann dieser Ärger schnell in die Familie hineinwirken und die Beziehung vergiften. Dieser Aspekt könnte für Frauen eine größere Rolle spielen als für Männer. Caroline Hehl erlebte solche Differenzen zwischen ihrem Großvater und Vater. „Das hat mich sehr abgeschreckt.“ Deshalb studierte sie Wirtschaftswissenschaften und ging danach zum Arbeiten nach Hamburg und Berlin.
Als es später doch um die Unternehmensnachfolge ging, schloss sie mit ihrem Vater einen Pakt: „Egal in welchem Stadium dieses Übergabeprozesses wir uns befinden: Wenn es einen Punkt gibt, an dem einer von uns das Gefühl hat, das funktioniert für uns als Familie so nicht mehr, dann wird das rückgängig gemacht und ein anderer Weg gefunden.“ Da sie gleichzeitig eine große Welle an Unterstützung und Vertrauen von Belegschaft und Kooperationspartnern erfahren hat, entschied sie sich für die Chefinnen-Position. In den meisten Fällen akzeptieren sie Mitarbeitende und Kunden gut, so erzählt die 36-Jährige. Akzeptanzprobleme hatte sie bisher nur sehr vereinzelt: „Wenn ich immer wieder auf Zeitpläne und Absprachen poche und davon auch nicht abweiche – damit kann der eine oder andere nicht so gut umgehen.“
Alle Frauen jedoch betonen, wie wichtig für sie Netzwerke sind. Katharina Kaufmann etwa engagiert sich bei den Wirtschaftsjunioren Remscheid: „Das ist für mich total wichtig, gerade weil so viele neue Herausforderungen auf einen einprasseln im Kontext Nachfolge im Familienunternehmen. Wenn man mal irgendwo ein Problem hat, gibt es Sparringspartner. Dann kann man jemanden einfach anrufen und sich austauschen – wie reagieren in dieser Situation andere, welche Lösungen haben sie gefunden.“ Oder in ganz praktischen Situationen: Als die Steuerung ihres Trockenofens ausgefallen war, kontaktierte sie jemanden aus ihrem Netzwerk, der sofort reagierte und den Ofen innerhalb eines Tages wieder zum Laufen brachte. Svenja und Tim Polick gehören zu den Wuppertaler Wirtschaftsjunioren und sind begeistert von dem Netzwerk, das die Möglichkeit bietet, Dinge voranzutreiben.
Caroline Hehl schätzt Netzwerke sehr, ist bei den Wirtschaftsjunioren, im Rotary Club, im Zentralverband für Oberflächentechnik und in der IHK-Vollversammlung: „Ich finde, dass dieser Austausch mit Personen aus unterschiedlichsten Branchen und mit unterschiedlichstem Background mega wertvoll ist. Man kann da immer etwas für sich selber mitnehmen und erweitert den Horizont. Das hilft auch, dass man nicht zu betriebsblind wird.“ Gemeinsame Projekte umsetzen, neue Kunden finden und tollen Input erfahren – diese Vorteile sieht Christina Clauberg im Solinger Gründerinnennetzwerk Femhub. „Dort sind oft interessante Speakerinnen eingeladen, die mich auf neue Ideen für mein Unternehmen gebracht haben.“ Sie hat auch schon gemeinsame Projekte im Netzwerk umgesetzt.
Das neue Frauennetzwerk Bergische Business Women IHK finden die Unternehmensinhaberinnen alle wichtig. „Ich finde die Dynamik unter Frauen ist eine andere. Das Verständnis füreinander ist ein anderes. Ich brauche anderen Müttern nicht zu erklären, wie schwer Kinder und Führungsposition zu vereinbaren sind, die wissen das“, sagt Christina Kaut-Antos. Sie hofft, dass durch solche weiblichen Netzwerke auch Frauen als Chefinnen sichtbarer werden: „Wenn Frauen häufiger an entscheidenden Posten stehen, dann bekommt man einfach ein vielfältigeres Meinungsbild.“ Sie rät dazu, Dinge nicht zu sehr „zu zerdenken“, sondern einfach mal auszuprobieren und sich zuzutrauen.
170 Frauen gehören inzwischen zu den vor einem Jahr gegründeten Bergischen Business Women IHK, die sich ganz breit an alle Unternehmerinnen, Gründerinnen, Nachfolgerinnen und Entscheidungsträgerinnen aus dem Bergischen Land richten. „Wir wollen damit kurze Wege schaffen, den schnellen Austausch“, erklärt Judit Jassmann, die bei der IHK das Netzwerk betreut. Vier Veranstaltungen sind für 2026 geplant zu unterschiedlichen Themen, die Frauen vorher in einer Umfrage genannt haben. Die Termine sind meist am Spätnachmittag, einmal auch morgens, und auf alle drei Städte verteilt. Neben fachlichem Input steht das gegenseitige Kennenlernen im Zentrum, die Möglichkeit zum Gespräch. Und auch über die IHK-Plattform Interaktiv sind die Bergischen Business Women vernetzt, können dort schnell Informationen austauschen.
Text: Tanja Heil