Handgefertigte Rasiermesser - Traditionelle Herstellung
Ralf Aust stellt in Handarbeit ganz besondere Klingen in Solingen her. Er hat Kunden auf der ganzen Welt. Seine Art zu produzieren hat Seltenheitswert. Das lockte schon das Fernsehen für eine Reportage zu ihm.
Die Anfahrt ist ein Abenteuer: Die Rasiermesser-Manufaktur Aust in Solingen-Höhscheid liegt am Ende einer kleinen Sackgasse am Berg. Wendemöglichkeiten sind nicht vorhanden. Wer also direkt vor der Tür parken möchte, sollte über gute Fahrkünste verfügen. Doch der Weg lohnt sich. In Ralf Austs Werkstatt riecht es nach frisch aufgebrühtem Kaffee und Maschinenöl. Aus dem Radio kommt der „Sonderzug nach Pankow“ von Udo Lindenberg. Es ist ein Mikrokosmos, den es vielleicht nicht mehr lange geben wird. „Ich gehöre bundesweit zu den ganz wenigen, die noch auf diese Art klassische Rasiermesser fertigen“, sagt der 64-Jährige, der in zwei Jahren in Rente gehen möchte. Einen Nachfolger zu finden dürfte äußerst schwierig werden, meint Aust.
Denn sein Beruf hat es in sich. Immer wieder schleifen, immer wieder polieren: An Maschinen, die zum Teil sieben Jahrzehnte auf dem Buckel haben, stellt Aust mit viel Ausdauer und Erfahrung jene Produkte her, deren Schärfe sprichwörtlich ist. Dafür verwendet er Rohlinge aus nicht rostfreiem Carbonspezialstahl. „Dieser Stahl braucht zwar mehr Pflege als Edelstahl, dafür bleibt er deutlich länger scharf“, so der Fachmann.
Der gelernte Scherenschleifer fertigt auch den Griff, in den die Klinge geklappt wird. Er ist meistens aus Holz. Doch Aust kann auch mit Kunststoff- oder Carbon-Varianten dienen. Für deren Herstellung – und für das Einprägen seines Logos auf den Klingen samt Herkunftsnachweise Solingen – verwendet er Lasertechnik. „Das sind die einzigen modernen Maschinen in der Werkstatt“, erklärt er. Austs Arbeitsweise ist so außergewöhnlich, dass das Fernsehen auf ihn aufmerksam wurde. Vier Tage lang war ein Drehteam bei ihm in der Werkstatt. Das Ergebnis ist eine halbstündige Folge der SWR-Reihe „Handwerkskunst“. Sie wurde im März 2025 ausgestrahlt und ist nach wie vor im Internet abrufbar.
Klinge und Griff zu einer handlichen Einheit machen – dafür kombiniert der Ur-Solinger zwei ehemalige Berufe, „für die jeweils fünf Jahre Lehrzeit angesetzt waren“, wie er sagt. Etwa 80 Messer kann er pro Woche herstellen. „Dafür wären allerdings 50 Stunden erforderlich. Ein solches Arbeitspensum möchte ich mir nicht mehr zumuten.“ Aber auch so kommen mehrere Dutzende fertige Exemplare zusammen.
Unternehmer Aust, seit 2010 selbstständig, vertreibt seine Rasiermesser über seinen Online-Shop. Es sind fast ausnahmslos Privatleute, die bei ihm bestellen. Oder Händler, die wiederum vor allem an Privatleute weiterverkaufen. „Meine Rasiermesser werden von Männern genutzt, die sich bewusst Zeit für eine Rasur nehmen“, beschreibt er seine Kundschaft. Und die gute Klingen zu schätzen wissen. So ist es vermutlich kein Zufall, dass auffallend viele Chirurgen bei Aust bestellen. Natürlich rasiert sich der Schnurrbartträger auch selbst mit seinen Messern. „Allerdings nur am Wochenende. Unter der Woche wäre mir die Prozedur zu aufwändig.“
Ob Thailand, Australien oder Kanada – die Rasiermesser aus Solingen gehen in die ganze Welt. Aust verweist auf einen aktuellen Auftrag, den er von einem Händler aus Michigan / USA bekommen hat. Er freut sich über seine Fangemeinde. „Ich bekomme immer wieder Dankesbriefe von Kunden. Welches Unternehmen kann das schon von sich behaupten?“ Begeistert seien die Kunden vor allem über die lange Haltbarkeit. „Bei richtiger Pflege kommt man mit zwei Klingen im Leben aus“, sagt Aust.
Text: Daniel Boss