Vorteile einer Stadt nutzen - Pool von Talenten und Ideen
Andreas Reiter leitet das ZTB Zukunftsbüro in Wien und hat bei der Bergischen Innenstadtkonferenz die Keynote gehalten zum Thema: „Die Zukunft unserer Innenstädte“.
Herr Reiter, welchen Eindruck haben Sie von den bergischen Städten?
Mein Eindruck ist, dass man die Schätze und die Stärken, die da sind, viel zu wenig nach außen kommuniziert. Wenn man alleine mit der Schwebebahn durch die Stadt fährt und die Zeitschichten der Stadtentwicklung sieht – Industrie, Architektur, Natur. Das ist beeindruckend und viel zu wenig bekannt außerhalb der Region. Das ist sehr schade. Vielleicht ist die Bundesgartenschau ein Moment, an dem Kommunikation und Marketing sich dahingehend neu aufstellen können. So eine Mobilität oberhalb der Straßen ist heute State of the Art, das ist Zukunftsmobilität. Wenn man junge Talente für die Städte gewinnen möchte, muss man sich auf solche Stärken besinnen. Und Narrative dahingehend ausrichten.
Was haben Sie von der Innenstadtkonferenz mitgenommen?
Es gab interessante Ideen bei den Workshops, die man entwickeln und skalieren kann. Entscheidend wird aber sein, dass es ein Narrativ gibt, das alles verbindet. Die Frage wird sein: Wo wollen wir als Stadt jeweils hin? Da mag es Unterschiede geben zwischen den drei Städten Wuppertal, Solingen und Remscheid, andere Startvoraussetzungen, aber es gibt auch Schnittmengen. Es wäre gut, wenn man eine gemeinsame Linie findet, auch wenn man verschiedene Narrative für sich definiert.
Die Innenstädte haben oft die gleichen Probleme – sowohl im Städtedreieck als auch anderswo – was Leerstände, die Qualität des Handels oder auch fehlende Aufenthaltsqualität angeht. Warum?
Ich glaube nicht, dass man verpasst hat, etwas zu unternehmen. Aber man hat lange versucht, sich an der klassischen Einkaufsstraße von früher zu orientieren. Aber die gibt es nicht mehr. Und die Komplexität des Verhältnisses Immobilienbesitzer und Stadt ist größer, als viele denken. Bei der Konferenz haben wir positive Beispiele gehört aus Offenbach und Hanau. Dort haben die Städte jeweils selbst investiert und sich so Möglichkeiten geschaffen. Dass Städte die Hoheit über Schlüsselimmobilien haben sollten, hat man erst in den letzten Jahren wieder begriffen.
Warum versucht man denn, Innenstädte an dem Idealbild von früher zu orientieren?
Es gibt eine natürliche Nostalgie. Je schwieriger die Zeiten sind, desto mehr sehnt man sich zurück in Zeiten, die man mit überschaubaren Veränderungen und Problemen verbindet. Früher hatten die Städte auch mehr Geld, um es in die Infrastruktur zu investieren. Heute haben sie weniger Geld, aber mehr Aufgaben – das macht die Lage nur komplexer.
Was muss eine Innenstadt heute können, um zukunftsfähig zu sein?
Sie muss resilient sein gegenüber dem Klimawandel, gegenüber sozialen Veränderungen – es braucht also soziale Orte, konsumfreie Orte, Kultur und soziale Rituale, in denen sich die ganze Gesellschaft wiederfindet. Und eine Pflege der verschiede-nen Quartiere und Viertel. Wuppertal als Beispiel hat als polyzentrische Stadt eine gute Grundlage – wenn das große Narrativ, etwa durch die Buga, gestärkt wird.
Als wie groß sehen Sie die Chance, dass eine Buga ausstrahlt auf die anderen Städte?
Es ist die Frage, wie sehr man das will. Es müsste gemeinsam Aktionen und Veranstaltungen geben, man müsste touristische Pakete schnüren für die Buga und andere Attraktionen in den Städten drum herum. Das ließe sich ja machen, oder?
Wenn man die Innenstädte aktuell sieht: Warum sollen wir weiter Hoffnung haben?
Weil sich Städte immer verändern. Städte haben immer Zeiten, in denen sie Bau-stellen sind. Es sind Baustellen der Zukunft. Die Frage ist: Wird es besser? Im Prinzip Stadt sehe ich starken Aufwind. Städte sind Agglomeration von Talenten, Ideen, Zukunftsstrategien. Aber es gibt Momente, da sieht es anders aus. Doch insgesamt geht die Entwicklung voran. Und bergauf. Man muss nur in Richtung Zukunft denken.
Das Gespräch führte Eike Rüdebusch