Lebensmittel aus dem Automaten - Einkaufen ohne Ladenschluss
Produkte aus der Region, gerne in Bio-Qualität, ohne Verkaufspersonal jederzeit verfügbar zu machen: Dieses Konzept kommt auch im Bergischen Land gut an. Der sogenannte Vending-Markt wächst.
Der „Local Hub“ im Luisenviertel kommt offenbar sehr gut an: 300 bis 400 Menschen betreten täglich den automatisierten Mini-Markt, der rund um die Uhr geöffnet ist. Viele machen während des Einkaufs Handy-Fotos von den Automaten. „Die Location wurde sogar schon für einen privaten Musikvideo-Dreh per Smartphone genutzt“, wie Valentin Steinbrenner amüsiert berichtet. Der 26-Jährige ist Gründer des Wuppertaler Start-ups Local Life, das den Laden an der Luisenstraße 94 seit Mitte Dezember betreibt. „Der Local Hub ist bereits nach einem Monat rentabel“, freut sich Steinbrenner über den „enormen Zuspruch“. Das Konzept besteht aus einem „kompakten, aber vollwertigen Versorgungsangebot“, auf das auch außerhalb klassischer Öffnungszeiten zurückgegriffen werden kann. In den Automaten finden sich unter anderem Getränke, Snacks und Molkereiprodukte – auch von regionalen Partnern. „Wir legen Wert auf Frische und Nähe“, sagt Steinbrenner. Hygieneartikel und Haushaltswaren geben die modernen Geräte ebenfalls nach dem Bezahlen aus. Personal braucht es dafür nicht. Der Einkauf funktioniert komplett automatisch, nur auswählen muss die Kundschaft noch selbst. Derzeit arbeitet das Local Life-Team an einem transportierbaren Container-Prototypen, um das Konzept „mobil und flexibel zu machen“.
Der „Local Hub“ ist Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung. „Automaten-Stores etablieren sich derzeit deutschlandweit insbesondere in Innenstädten. Hier ist die Passantenfrequenz jenseits der üblichen Öffnungszeiten höher und die zentrale Lage sorgt für gute Erreichbarkeit“, sagt Dr. Daria Stottrop, Handelsexpertin der Bergischen IHK. „Dort wo sich Lebensmitteleinzelhandel mit Personal nicht rechnen kann, können so genannte Smartstores mitunter rentabel sein.“ Entsprechende Konzepte seien ideal zur Schließung von Nahversorgungslücken – „oder eben als Angebot mit besonderen Produkten“.
Der sogenannte Vending-Markt, gemeint ist der Verkauf von Waren und Dienstleistungen durch Automaten, zeigt laut aktueller Studie des Bundesverbands der Deutschen Vending-Automatenwirtschaft (BDV) auf jeden Fall „eine beeindruckende Dynamik“. Mit einem Gesamtumsatz von 4,62 Milliarden Euro (2024) konnte die Branche ein Wachstum von 18,7 Prozent verzeichnen. „Dieses Plus ist nicht nur das Ergebnis innovativer Technologien, sondern auch ein Zeichen dafür, dass sich die Bedürfnisse der Verbraucher weiterentwickeln“, so der BDV. „Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist die zunehmende Differenzierung des Angebots. Konsumenten erwarten heute eine größere Produktvielfalt sowie moderne, bequeme Lösungen: von kontaktlosen Zahlungssystemen bis zu Automaten, die rund um die Uhr verfügbar sind.“ Heißgetränke wie Kaffee, Espresso und Kakao machen demnach mit 47 Prozent des Gesamtumsatzes nach wie vor den größten Anteil aus. Kaltgetränke tragen 33 Prozent zum Gesamtumsatz bei. Bei 20 Prozent – Tendenz steigend – liegen „Snacks und Food“. Dabei sind es laut Verband „nicht nur süße Riegel und herzhafte Knabbereien, sondern zunehmend auch gesündere Alternativen, die ihren Weg in die Automaten finden“.
Diese Philosophie verfolgt man auch beim Unternehmen Local Life, dessen Kerngeschäft das Aufstellen und Bestücken von Automaten im B2B-Umfeld ist. Dazu zählen öffentliche Einrichtungen wie Krankenhäuser, aber auch Cafeterias, Kantinen oder Flure von mittelständischen Betrieben. Seit dem Start 2023 im Helios Universitätsklinikum in Barmen hat Local Life bis heute rund 70 Automaten in der Region – unter anderem bei der Bergischen IHK in Wuppertal – aufgestellt. „Seit wenigen Wochen sind wir auch in einer Hamburger Klinik vertreten“, sagt Steinbrenner. Ob im Bergischen oder im Norden – das Unternehmen setzt auf „Außergewöhnliches, das es nicht in jedem anderen Automaten oder Supermarkt-Regal gibt“. Zum Sortiment gehören unter anderem kleine Snacks, Bowles, Wraps oder Bagels. „Die Menschen achten auch am Automaten zunehmend auf Gesundheit, Nachhaltigkeit und Regionalität.“
Das sieht auch Stephanie Kesseler so. Sie betreibt, neben ihrem eigentlichen Beruf, am Katernberger Schulweg 114 die Hello-Food-Box (vormals Die Box – Wuppertal): „Hier gibt es 24/7 regionale Produkte für den täglichen Bedarf: frisches Obst und Gemüse und jeden Freitag frisches Brot vom lokalen Bäcker.“ Der Zugang zu diesem Container sowie das Bezahlen funktionieren mittels App: An den Preisschildern von Nudeln, Honig, Marmeladen, Gewürzen und Co. sind QR-Codes angebracht.
Kesseler beschreibt das Geschäftsmodell als „Synergie aus regionaler Verbundenheit und praktischer Nahversorgung“. Hinter der Hello-Food-Box stehe die eigene Liebe zu hochwertigen Nahrungsmitteln. „Aus eigener Erfahrung weiß ich: Regionalität bedeutet weit mehr als nur kurze Transportwege. Es ist ein Akt der Wertschätzung gegenüber den Bauern und Erzeugern.“ Sie sei davon überzeugt, dass auf diesem Wege Kaufkraft gezielt zurückgeholt werde: „Es entsteht ein wertvoller Kreislauf, der nicht nur die Gemeinschaft im Katernberger Quartier, sondern auch die gesamte umliegende Region festigt.“
Der Austausch mit der Kundschaft scheint auch ohne Verkaufspersonal zu funktionieren: „Wir sind telefonisch erreichbar, um die Brücke zwischen Produzenten und Endverbrauchern zu schlagen. Wir möchten, dass unsere Kunden genau über die Herkunft unserer Produkte Bescheid wissen.“ Hinzu kommt das digitale Feedback: „Fast täglich erreichen uns positive Nachrichten und Produktwünsche per E-Mail.“
Ihr bisheriges Fazit fällt durchweg positiv aus: „Unsere Kunden schätzen die Hello-Food-Box sehr. Sie lieben die Frische, gepaart mit dem praktischen Nutzen, nicht mehr mühsam verschiedene Höfe einzeln abklappern zu müssen, um alles für den täglichen Bedarf zu finden.“
Dass auch der klassische Kiosk – im Rheinland „Büdchen“ genannt – neue Variationen kennt, beweist das Beispiel von Snackbozz. An der Wuppertaler Straße in Solingen und an der Elberfelder Straße in Remscheid hat das Solinger Unternehmen in den vergangenen Jahren „Automatenkioske“ eröffnet. „Unser Geschäftsmodell erlaubt Besuchern an sieben Tagen die Woche rund um die Uhr Konsummittel wie Snacks, Drinks, Zigaretten, aber auch Kondome etc. einzukaufen“, so Geschäftsführer Matthias Lukoschek. „Wir sind im Grunde genommen ein normaler Kiosk – aber eben zu 90 Prozent autonom.“
Die Idee entstand 2023, als sich Lukoschek mit weiteren Mitstreitern mit der Automatenwelt in anderen Teilen der Welt beschäftigten. „In vielen anderen Ländern sind die Menschen nachtaktiver als in Deutschland. Es kommt aber natürlich auch auf den Standort an.“ Ein großes Ziel sei es, dass das neue Konzept in die Wahrnehmung der Menschen im Bergischen komme. „Das Feedback, das wir bis jetzt über unsere Social-Media-Kanäle erhalten, stimmt uns zuversichtlich.“ Bei Snackbozz geht man davon aus, dass in absehbarer Zeit der Kiosk-Betrieb zu 99 Prozent automatisch läuft. Lukoschek: „Es wird alles immer mehr digitalisiert und man sollte mit der Zeit gehen, um sich das Leben einfacher zu machen.“
Text: Daniel Boss