Kunstvermittlung in die absolute Breite - Visiodrom wagt mehr Wuppertal

Für den Kultur- und Veranstaltungsort Visiodrom war es Zeit, Dinge klarzustellen: Anfang Januar gaben die acht Gesellschafter die Umwandlung von einem rein privatwirtschaftlichen Betrieb zur Gemeinnützigkeit bekannt. Damit bekräftigten die Wuppertaler Unternehmer den Glauben an ihre Stadt.

Der fast 70 Meter hohe Gasometer ist eine prägende Landmarke, die Europas größte 360°-Projektionsfläche beherbergt. Am Anfang stand Thomas Dreschers Entdeckergeist: Der Gründer von Sport-Park-Group fasste für sein fünftes Fitnessstudio den alten Gaskessel ins Auge. Den Architekten Daniel Mai und Marcello Groß – heute Mitbesitzer – gelang es, in die historische Außenhaut des Industriedenkmals ein fünfstöckiges Haus aus Fertigbetonteilen zu erbauen. 2016 zogen die Sportgeräte in die Etagen zwei bis vier, das Restaurant „Aposto” zog ins Erdgeschoss und die übrigen 48 Meter bekam das Visiodrom. Anders als für Tourneeproduktionen, die eher auf Selfies und weniger auf innere Dramatik ausgelegt sind, setzte Kurator Christian Höher für seine immersiven Shows ganz andere Maßstäbe. Mit einer Bundeskulturförderung und Hilfe aus der Stadtgesellschaft tat sich der Möglichkeitsraum auf, den technischen Ausbau und die erste Produktion, die Monet-Show, zu finanzieren.

Das Visiodrom entschied sich für das französische Studio Spectre Lab, das Mapping-Shows am Arc de Triomphe zu Silvester und die Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Paris zu seinem Portfolio zählen darf. Die französischen Animationskünstler sorgen gemeinsam mit der Londoner Agentur für digitale Kunstabdrucke Bridgeman Images dafür, dass Drehbücher von Christian Höher und Marie Haus zu tiefgründigen und miterlebbaren Projektionen werden. Die Show „Vincent van Gogh – Sehnsucht” führte das Autorenduo über Amsterdam nach Paris und an den Sterbeort des Künstlers in Auvers-sur-Oise, wo sie dem Maler als Menschen nahekamen. „Jede Krähe, jede Wolke, jeder Strich, der animiert ist, kommt aus seinen Bildern”, erzählt Haus von dem Schaffensprozess und liebevoll über ihr internationales Team: „Das sind genau solche Freaks wie wir.”

Auch alle späteren Gesellschafter – Dirk Emde, Andreas Feicht, Axel Kurz und Marie Haus – seien große Wuppertalfans, erklärt die Kommunikationsexpertin. Die Gewinne wurden von Anfang an in neue Shows und Ausstattung reinvestiert. Die Überführung in eine gGmbH ermögliche nun lang gehegte Träume, wie mehr Bildungsangebote und lokale Kulturprojekte. „Wir haben unsere Gewinnerzielungsabsicht aufgegeben“, so Haus. Kulturkooperationen im weitesten Sinne sollen auch Yogakurse und Chorauftritte beinhalten: zwölf Termine des Veranstaltungsprogramms „Besides“ stehen mittlerweile fest. Mit rund 75 Prozent der Besucher aus dem Umland zählt sich das Visiodrom zu den wichtigsten touristischen Spots, aber nun sollen auch mehr Wuppertaler den Gaskessel als den ihrigen erkennen. Die Synergien vor Ort sehe man bereits in der aktiven Zivilgesellschaft und in den frisch gestrichenen Fassaden, findet Haus. „Das sind alles Effekte, weil die Menschen um uns herum an sich glauben, und weil wir visionär an diesen Stadtteil geglaubt haben.“

Insgesamt verzeichne das Visiodrom bis 150.000 Besucher pro Jahr, allein bis zu 8.000 davon entfallen auf Schüler. Ein Rabattsystem und kostenlose Führungen gibt es für sie schon lange, aber etwa ein spendenfinanzierter Bus würde noch mehr Gruppen die Anreise ermöglichen. „Wir sind der leichte Einstieg”, sagt Höher. Davon zeugen die rund 1.000 verkauften Kombitickets mit dem Von-der-Heydt-Museum in 2025: „Wenn jemand die Kartoffelsetzer im Visiodrom sieht und dann ins Von-der-Heydt fährt, um sie im Original zu sehen, dann haben wir unsere Mission erfüllt“, sagt der Ausstellungskurator. Geschichten von Claude Monet, Leonardo Da Vinci und zuletzt Van Gogh vermittelte das Visiodrom mit wissenschaftlicher Beratung, aber ohne jeglichen Snobismus.

„Welcher Van Gogh bist du?“, dürfen Besucher in einem virtuellen Spiegel herausfinden. Die Mischung aus emotionaler Berührung und Information kommt an: „Das funktioniert, wir passen in die deutsche Bildungslandschaft“, sagt Höher selbstbewusst. Mit dem nächsten Projekt „Origins. Die Schönheit des Lebens“ will das Visiodrom künstlerisch und mit einem kindgerechten Unterhaltungsangebot auf eine Zeitreise vom Urknall bis heute mitnehmen.

Text: Evgenia Gavrilova

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