Letzte Erwerbsjahre - Wunsch nach Mitgestaltung

Dr. Nina Garthe, Arbeitswissenschaftlerin an der Bergischen Universität, spricht im Interview über „klare Vorstellungen von guter Arbeit“.

Welche Rolle spielen Menschen jenseits der 50 in der aktuellen Arbeitswissenschaft?

Eine zentrale: Mit dem Eintritt der geburtenstarken „Babyboomer“-Jahrgänge in die letzten Erwerbsjahre rückt eine zahlenmäßig große Gruppe in den Fokus, die in den kommenden Jahren schrittweise aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden wird. Und das vielfach früher als mit dem Regelrentenalter von 66 oder 67 Jahren. Für Forschung und Praxis stellt sich damit die dringliche Frage, wie Arbeitsfähigkeit, Motivation und Gesundheit bis zum Renteneintritt erhalten werden können. Dabei betrachtet die Arbeitswissenschaft Beschäftigte über 50 aus interdisziplinärer Perspektive. Sie untersucht körperliche und psychische Arbeitsbelastungen ebenso wie Fragen der Arbeitsgestaltung, der betrieblichen Prävention, der Arbeitsmotivation und der Übergänge in den Ruhestand. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Annahme, dass die politisch forcierte Verlängerung des Erwerbslebens soziale Ungleichheiten verschärfen könnte. Besonders gefährdet sind Gruppen, in denen sich mehrere Risikofaktoren bündeln: Menschen mit belastenden Tätigkeiten, schlechter Gesundheit und geringen finanziellen Ressourcen – häufig Ältere, Frauen oder Personen mit Migrationsgeschichte. Sie laufen Gefahr, entweder vorzeitig aus dem Erwerbsleben auszuscheiden oder sich bis zur Rente „durchzuschleppen“ – möglicherweise auf Kosten ihrer Gesundheit.

Wie hat sich der Blick auf diese Gruppe in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Die Herausforderungen des demografischen Wandels sind seit Jahrzehnten bekannt, doch erst jetzt werden seine Folgen in vollem Umfang spürbar. Politik und Unternehmen reagieren, indem sie Wege in die Frühverrentung schließen und Strategien entwickeln, um ältere Beschäftigte länger im Betrieb zu halten. Gleichzeitig hält sich gesellschaftlich eine Kultur des Frühausstiegs. Über viele Jahre dominierte die Vorstellung, Ältere sollten „Platz machen“ für Jüngere. Frühverrentung wurde zur Normalität. Solche sozialen Normen lassen sich nur träge durch kurzfristige politische Maßnahmen verändern. Auch die interdisziplinäre Wissenschaft fokussiert sich immer mehr darauf, unter welchen Umständen ältere Beschäftigte länger im Erwerbsleben verbleiben können – und dies bestenfalls auch wollen. Prominente Schlagwörter sind unter anderem „altersgerechte Arbeitsgestaltung“, „Prävention“ oder „active aging“.

Es wird aktuell viel über „Ansprüche“ von jungen Menschen geredet – aber was brauchen Menschen über 50?

Studien zeigen, dass auch ältere Beschäftigte klare Vorstellungen von guter Arbeit haben. So verweisen etwa Ergebnisse der Studie „lidA – leben in der Arbeit“ insbesondere auf den Wunsch nach Flexibilität und Mit­gestaltung. Gemeint ist der Einfluss darauf, was, wann und in welchem Umfang gearbeitet wird. Wo dieser Gestaltungsspielraum gegeben ist, steigt die Bereitschaft, länger im Erwerbsleben zu bleiben. Arbeitgeber können darauf reagieren – etwa durch flexible Arbeitszeiten, Teilzeitmodelle oder eine schrittweise Reduzierung der Arbeitszeit vor dem Ruhestand.

Wo liegt der besondere Wert älterer Menschen für die Wirtschaft?

Aus ökonomischer Sicht sind Beschäftigte über 50 sehr relevant. In vielen Betrieben stellen sie einen großen Anteil der Belegschaft. Es handelt sich häufig um langjährig Beschäftigte mit umfassender Berufs- und Unternehmenskenntnis, mit Führungsverantwortung und gewachsenen Netzwerken. Ihr Ausscheiden bedeutet für Unternehmen einen tiefgreifenden Wissens- und Erfahrungs­verlust, der sich nicht durch kurze Übergabegespräche kompensieren lässt. Gespräche zur individuellen und altersgerechten Gestaltung der Arbeit sowie zur langfristigen Weitergabe von Wissen sollten daher frühzeitig ansetzen.

Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht ein „gesunder Altersmix“ im Unternehmen?

Altersgemischte Teams vereinen Erfahrungswissen, aktuelles Fachwissen, unterschiedliche Perspektiven, techno­logische Kompetenzen und Netzwerke. Sie bieten Potenzial für gegenseitiges Lernen. Gleichzeitig erfordern solche Teams eine Kultur der Kommunikation auf Augenhöhe, des gegenseitigen Respekts und der Bereitschaft zum Kompromiss. Gelingt ein solcher „gesunder Altersmix“, wird Wissenstransfer zum Arbeitsalltag. Davon profitieren alle Generationen und nicht zuletzt die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens.

Das Gespräch führte Daniel Boss.

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