Rundgang durch Lennep - Eine Altstadt im Aufbruch

Verwinkelte Gassen und denkmalgeschützte Schieferhäuser – der historische Ortskern Lennep mag wie ein Museumsdorf wirken. Doch das Kleinod punktet auch als Handels- und Gastronomiestandort, in den wieder investiert wird.

Die Sonne zaubert an diesem Mittwochnachmittag Licht- und Schattenspiele auf den Alten Markt, ein weiträumiger Platz zu Füßen der evangelischen Stadtkirche mit ihrem markanten Turm, das Wahrzeichen des ältesten Remscheider Stadtteils. Denkmalgeschützte Häuser mit Schieferfassaden, grünen Schlagläden und Sprossenfenstern prägen das Stadtbild von Lennep. Alles wirkt „urbergisch“. Vor dem Café Kaffeeklatsch genießen Gäste auf der Terrasse die wärmenden Strahlen. Einige Anwohner und Händler haben Blumen­kübel vor ihren Türen mit bunten Frühblühern bepflanzt. Einladend weit geöffnet ist die Pforte des alteingesessenen Feinkostgeschäfts Johnen. Seit Jahrzehnten trotzt es allen Einflüssen einer sich stark wandelnden Geschäftswelt. Nebenan steht die kleine Bühne des rührigen Vereins Lennep Offensiv. Sein Ziel ist es, die Altstadt mit einer Reihe von Aktionen und Festen zu beleben. Den Auftakt bildet jedes Jahr das Frühlingsfest mit verkaufsoffenem Sonntag und einem Rahmenprogramm. Der Alte Markt ist der Treffpunkt schlechthin.

Wer durch die Gassen bummelt, entdeckt Boutiquen, Galerien, den Laden eines Goldschmieds, sogar einen Gitarrenhandel und ein Brautmodengeschäft, die Traditions-Buchhandlung R. Schmitz und das alteingesessene Juweliergeschäft Koll, den Stoffladen an der Wetterauer Straße und vieles mehr. Ab und zu rollen Autos langsam über die gepflasterten Straßen. Der Stadtkern ist für den Autoverkehr freigegeben. Nur ein Teil des unteren Marktes bleibt für die Außengastronomie – wie des Bistros Mon Ami und der Pizzeria Daunia – gesperrt.

Nur wenige Ladenlokale stehen derzeit leer. „Wir sehen Veränderungen in Lennep. Alte Gebäude werden saniert. Und es gibt immer wieder Neueröffnungen“, sagt Bärbel Beck, IHK-Vizepräsidentin sowie Geschäftsführerin des Modehauses Johann an der Kölner Straße 12. Im größten Fachgeschäft der Altstadt stöbern derweil Kundinnen durch neue Kollektionen an farbenfroher Mode für Damen und Herren. In der Händlerschaft gebe es immer eine gewisse Fluktuation. „Wir haben in der Altstadt eher einen Mix aus Handel mit inhabergeführten Geschäften und Ideen, mit denen Mutige die richtige Nische entdecken und füllen“, sagt die in Lennep gut vernetzte Geschäftsfrau. Ein solches Nischenangebot hält zum Beispiel der kleine Laden Lotte - Handgemachte Kindermode, in dem Nähkurse und ein Nähcafé angeboten werden, bereit.

Mit Qualität, Beratung und Kundenser­vice setzt Bärbel Beck ein Gegengewicht zu Fast-Fashion-Angeboten. Neben Stamm­kunden betreten immer wieder neue Kunden aller Generationen ihr Geschäft – auch dank Aktionen wie dem „Styling-Event“ für künftige Berufsanfänger. Kürz­lich waren mehr als zwei Dutzend Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs Remscheid im Rahmen des „Match-Point“-Programms zu Gast. Bärbel Beck: „Es dient der Vorbereitung auf den Beruf. Wir möchten den jungen Menschen sicheres Auftreten durch das richtige anlassbezogene Outfit vermitteln.“ Zum Abschluss nehmen die jungen Gäste adäquate Be-werbungsfotos mit nach Hause.

Wie ist die Stimmung in der Altstadt angesichts des seit Langem geplanten Factory Outlet Centers (FOC)? „Wir wissen zu wenig über die Ausgestaltung, um uns darauf einstellen zu können. Es stehen noch Gutachten aus“, kommentiert sie den Planungsstand des Großprojekts vor den Toren der Altstadt, das auf dem Gelände des ehemaligen Röntgen-Stadions errichtet werden soll. Droht eine Konkurrenz? Oder gibt es Synergien, wenn mehr Tagestouristen nach Lennep strömen und die Altstadt entdecken? Das alles hänge von der Gesamtkonzeption und politischen Entscheidungen ab, so Beck.

Auf einem Rundgang durch die Altstadt zeigt die Lenneperin Neues und Beständiges in der Geschäftswelt. Zu Letzterem zählt das Tee- und Weinkontor an der Kölner Straße 11, das Sigrun und Karsten Wintermeier in zweiter Generation betreiben. Hier gibt es bis zu 100 verschiedene Tees und bis zu 100 Weinsorten, aber auch Feinkost wie edle Pralinen, italienische Delikatessen sowie Wohn-Accessoires und Deko, Kerzen, Seifen oder andere Geschenkideen. „Viele Betriebe bestellen bei uns Präsentkörbe“, sagt die Inhaberin. Statt in Weidenkörben drapiert sie die Leckereien, liebevoll dekoriert, in edel wirkenden Präsentschalen.

Frischen Wind in ein lange leerstehendes Haus am Alten Markt 8 brachte die Lebenshilfe Remscheid. Im September 2021 eröffnete sie dort das Café Achtsam – das Kaffeewerk am Markt. Wer den Gästeraum mit seinen schmiedeeisernen Stützpfeilern, dem aufgearbeiteten Holzdielenboden und dem schicken Mobiliar betritt, atmet den Duft frisch zubereiteter Kaffeespezialitäten ein. Der Clou ist, dass die Bohnen aus der eigenen Rösterei des Hauses stammen. Zur Kaffeezeit sind alle Tische belegt, Tee, Kaffee, Kuchen oder Quiche werden serviert. „Wir sind keine Gastronomen und mussten viel dazu lernen. Vorher ahnten wir nicht, wie viele Schritte es erfordert, bevor man Kaffeebohnen rösten kann und darf“, gesteht Jerrit Bennert, Geschäftsführer der Lebenshilfe Remscheid, während er an einem Espresso Macchiato nippt.

Inzwischen sei das Team aus zwei Fachkräften und zehn Menschen mit Beeinträchtigung gut aufeinander eingespielt. Jeder habe seine Aufgaben – im Service, in der Küche, in der Rösterei und an der Siebträger-Kaffeemaschine. Dass das Café die Altstadt bereichert, sei ein Nebeneffekt. Primär gehe es darum, Menschen mit Beeinträchtigung eine Perspektive zur beruflichen Weiterentwicklung bis hin zum Schritt auf den ersten Arbeitsmarkt zu eröffnen. „Und wir wollten sie mehr in die Öffentlichkeit rücken, um Barrieren zwischen Menschen mit und ohne Beeinträchtigung abzubauen“, sagt Bennert. Ein entscheidender Vorteil sei die Nähe zur Lebenshilfe-Werkstatt am Standort Thüringsberg am Rande der Altstadt. „So können wir bei Personalengpässen schnell reagieren.“

Alles habe etwas holprig begonnen, räumt Thomas Lüning, Leiter des Geschäftsbereichs Werkstätten der Lebenshilfe Remscheid, ein. Die Sanierung des Baudenkmals war aufwendiger als erwartet, so dass sich die geplante Eröffnung verzögerte. Der Vermieter übernahm alle Kosten und ließ der Lebenshilfe bei der Gestaltung der Innenräume freie Hand. „Er gab auch den Impuls zu dem Projekt, als er mich eines Tages fragte, ob wir in diesen Räumen ein Café eröffnen wollen“, erinnert sich Bennert. Nach eingehender Beratung mit seinen Teamkollegen sagte er zu. Sein Fazit heute: „Das erste Gastronomieprojekt ist gelungen.“

Auf dem Weg über den Marktplatz lugt Bärbel Beck kurz in das Änderungsatelier am Alten Markt rein, um mit Inhaber Said El Ouafi ein paar Worte zu wechseln. Seit Jahren kooperiere sie mit dem Schneidermeister, der Kleidung nach Bedarf der Kundinnen passgenau umarbeite.

Weiter geht´s hinauf zum Kölner Tor, das eine der beiden Hauptzufahrten in die Altstadt bildet. Hier will auch Mark Dächer, Inhaber des Architektur- und Planungsbüros mit dem Titel Baubar Studio GmbH sowie Immobilieninvestor, altem Baubestand neues Leben einhauchen. Das kleine Schieferhaus an der Kölner Straße 30, in dem er sein Büro eingerichtet hat, ließ er bereits kernsanieren. Auch das benachbarte Gebäude Kölner Straße 30a, das lange leerstand, habe er erworben. Jetzt beginne er mit der Sanierung und einem kompletten Innen-Umbau des großen, mehrstöckigen Gebäudes mit einem Ladenlokal im Parterre. „In die oberen Etagen ziehe ich neue Wände ein, um kleinere Mietwohnungen einzurichten, unten soll Gastronomie einziehen. Ich denke an eine Tapas- und Wein-Bar“, verrät er. Ob er an den Standort Lennep glaube? „Ja, ganz sicher“, sagt der Remscheider ohne zu zögern.

Es gibt ein weiteres Beispiel für Investitionsbereitschaft und neue Frequenzbringer: Wenige Schritte die Kölner Straße hinauf ist die ortsbildprägende, prachtvolle bergische Villa, die einst eine Filiale der Deutschen Bank beherbergte, nach längerem Leerstand aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Christiane Jackwitz hat das Parterre mit 400 Quadratmetern gemietet. „Wir brauchten mehr Platz, um der erhöhten Nachfrage gerecht werden zu können“, sagt die Inhaberin des Frauen-Fitness-Studios Ladywell, das sie vorher an der oberen Kölner Straße betrieb. Es sei nicht leicht gewesen, am Wunschstandort Lennep geeignete große Räume für ein Fitness- und Gesundheitszentrum zu finden. Eine Mitarbeiterin habe die - wie sie sagt – „Schnapsidee“ geäußert, in das ehemalige Bankgebäude umzuziehen. Jackwitz: „Ich war früher Kundin dieser Bank und hatte etwas Ehrfurcht vor den großen Räumen.“ Nach einer Besichtigung stand für sie und ihre Kolleginnen sofort fest, dass das Objekt passe. Mit der Vermieterin habe sie Gestaltung der Räume abgestimmt. „Hier konnten wir alle Wünsche verwirklichen, inklusive unserer kleinen Tötter-Ecke, eines Beratungszimmers und eines Büroraums. Diese Elemente haben uns vorher gefehlt“, sagt die Inhaberin, die die Kosten für den Umbau übernahm. Das größte Problem war nach ihren Angaben, die schweren Tresore aus dem Souterrain herauszutransportieren. In Kürze solle die Außenfassade renoviert werden.

Vertretbare Ladenmieten, die Aufenthalts­qualität in der Altstadt, aber auch die gute Infrastruktur Lenneps sowie schnell erreichbare Naherholungsgebiete locken offenbar nicht nur Geschäftsleute und Investoren an. „Es kehren junge Familien wieder nach Lennep zurück“, resümiert Bärbel Beck mit spürbarem Optimismus. Kultureinrichtungen wie die Klosterkirche, das Rotationstheater, das Röntgen-Museum sowie das Tuchmuseum entfalten Anziehungskraft. „Alles ist in wenigen Gehminuten erreichbar“, sagt die Geschäftsfrau. Ihre Tochter Philine fügt hinzu: „Lennep hat so viel Potenzial für Tourismus, nicht nur für die Pilger auf dem Jakobsweg, die in der Altstadt eine Herberge finden, sondern auch für Menschen aus den Nachbarregionen oder den Niederlanden.“

Text: Sólveig Pudelski

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