Specialty Coffee aus Solingen - Geschmack liegt in der Bohne
Der historische Stadtteil Katternberg ist von Industrie-geschichte und seiner ruhigen, waldnahen Wohnlage geprägt. Dank der Rösterei Wunderlich wird der idyllische Ort immer mehr zum angesagten Hotspot für exquisite Kaffeequalität.
Von der Außenterrasse erschließt sich ein unverstellter Blick auf grüne Felder im Pilghauser Bachtal. Es ist die perfekte Einkehr nach einer Wanderung, der Liewerfrauenweg verläuft direkt davor. Den Rasen und den kleinen Spielplatz haben viele Kaffeeliebhaber und Familien aus der Nachbarschaft schon längst zu ihrem Kraftort auserkoren und es wirkt, als hätte es ihn eigentlich schon immer hier gegeben. Dabei war hinter der Backsteinfassade aus den 1880er-Jahren ein Schleiferkotten zugange, bevor Jan-Pascal Wunderlich und seine Partnerin Carolin Gutsche mit ihrer Rösterei und angeschlossenem Café das Erdgeschoss bezogen.
Neue Kaffeekultur nach Solingen bringen: Das erklärte Wunderlich ganz früh zu seinem Ziel, noch mitten in der Sanierung. Der Schlange von Kaffeefans nach zu urteilen, die sich am Wochenende schon mal aufreihen, scheint er sich seinem Ziel zu nähern. Trotzdem bleibt der 37-Jährige beim Kaffeegeschmack völlig undogmatisch: „Erstmal muss Kaffee für die Person, die ihn trinkt, gut schmecken“, sagt er. „Es geht mir darum, zu zeigen, dass Kaffee nicht immer schwarz, plump, gleich schmecken sollte“, stellt er allerdings klar. Auch wenn der Röster zugibt, dass die meisten Solinger einen klassisch kräftigen Kaffee mit schokoladigen Tönen gegenüber den hellen Kaffeeröstungen mit floralen Aromen bevorzugen und mehr Vertrauen in die Siebträgermaschine als in Filterkaffee setzen. Nicht jedermann ist offen für Experimente, aber der eine oder andere Gast lasse sich schon bekehren und verzichte seitdem auf Milch und Zucker zugunsten der Geschmacksintensität.
Kaffeequalität und nachhaltige Kaffeewirtschaft – um dieses Versprechen einzuhalten, sind Wunderlich und Gutsche schon nach Kolumbien gereist, weitere Reisen sollen folgen. Der Ursprung der Kaffeebohnen soll sich gemäß den Qualitätsstandards der Specialty Coffee Association bis zum Farmer zurückverfolgen lassen. „So direkt, wie wir es als Rösterei können“, erklärt Wunderlich das Prinzip. Stabile Liefermengen und Qualität sollten die Importeure neben Rückverfolgbarkeit garantieren, mit drei Anbietern hat sich schon langfristige Zusammenarbeit etabliert.
Sein Wissen um Nuancen, die sich – ähnlich wie bei Rebsorten – je nach Region und Aufbereitung der Bohne entfalten, hat sich der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann über die Jahre selbst erarbeitet. Kaffeeröster ist in Deutschland kein geschützter Lernberuf, viel erschließt sich durch eigenen Enthusiasmus: Kurse, Fachliteratur, „Learning by Doing“. Wunderlich, zunächst angehender Lehrer, rutschte zu Studienzeiten in Rostock in die Szene rund um Specialty Coffee. Die sogenannte Third Wave Coffee-Bewegung setzte Trends für helle Röstungen, die den Charakter der Bohne den Röstaromen vorzog. Er entschloss sich für eine Ausbildung, arbeitete bei einem Kaffeefahrrad-Franchise in Osnabrück, später als Röster in Potsdam. Der Wunsch, sich selbstständig zu machen, ging mit dem alten Kotten in der Heimatstadt seiner Partnerin in Erfüllung. Noch kurz, bevor ihre Tochter geboren wurde, konnten sie 2023 die langwierige Grundinstandsetzung abschließen und die Türen öffnen.
Das helle Café besteht aus weiten Räumen, die ihre Historie und den rustikalen Charakter bewahrt haben. Weiter hinten steht Wunderlichs größte Investition – der energieeffiziente Heißluftröster der Firma Loring. Mit einer Maximalcharge von 15 Kilogramm wird hier bis zweimal wöchentlich geröstet und an vier Tagen in der Woche das Café geöffnet. Besonders freut sich die Familie auf ihren Onlinehop, mit dem sie ab Mai noch mehr Kaffeetrinker, aber auch Unternehmen, Gastronomien und Behörden mit ihren Produkten begeistern möchte. Denn Specialty Coffee passt auch in die Arbeitswelt.
Text: Evgenia Gavrilowa