Mentale Ersthelfer - stabile Seitenlage für die Seele
Helke Wieners begleitet Menschen und Unternehmen mit Psychotherapie, Coaching und betrieblicher Gesundheitsförderung auf dem Weg zu mentaler Gesundheit.
Psychische Belastungen gehören zu den häufigsten Ursachen für eine Krankmeldung im Job. Zeit- und Leistungsdruck, Überstunden und ständige Erreichbarkeit schaden der Psyche auf Dauer genauso wie Konflikte am Arbeitsplatz, unklare Ziele oder mangelnde Wertschätzung. Ist die Psyche erst einmal krank, fallen Mitarbeitende häufig länger aus. So sagt es Helke Wieners. „Die Unsicherheit im Umgang mit psychischen Auffälligkeiten ist groß“, sagt die Heilpraktikerin für Psychotherapie, Coach und Gesundheitspsychologin mit eigener Praxis in Wuppertal-Elberfeld. „Viele Führungskräfte wissen nicht, wie sie Veränderungen richtig einordnen oder darauf reagieren können.“ Bei manchen Vorgesetzten herrscht zudem immer noch die Ansicht, dass mentale Belastungen Privatsache seien. „Das sind sie aber nicht. Mentale Gesundheit ist auch Chefsache.“
Als Diplom-Betriebswirtin und ehemalige Standortleiterin einer Werbeagentur kennt Wieners die Dynamik aus Verantwortung, Druck und hohen Erwartungen aus eigener Erfahrung und weiß, wie wichtig ein menschlicher Umgang mit Überlastung im Arbeitskontext ist. Seit über zehn Jahren begleitet sie Privatpersonen und Unternehmen. Letztere mit dem Ziel, Gesundheit nicht erst ernst zu nehmen, wenn Mitarbeitende ausfallen, sondern präventiv vorzubeugen und früh zu intervenieren.
Auch wenn das Bewusstsein für mentale Gesundheit wachse, fehle in vielen Betrieben weiterhin ein ganzheitliches, strukturiertes Gesundheitskonzept. „Oft ist das Thema immer noch tabu, Belastungen werden zu spät erkannt oder gar nicht erst angesprochen“, sagt die 53-Jährige. Genau hier setzt ihre Arbeit an.
Neben ihrer therapeutischen Arbeit in der Praxis mit Menschen in Belastungssituationen begleitet sie Firmen mit Angeboten zur betrieblichen Gesundheitsförderung: Workshops und Führungskräfte-Trainings, psychotherapeutische 1:1 Begleitung für Mitarbeitende sowie die zertifizierte Ausbildung zum Mentalen Ersthelfer. Wieners arbeitet eng mit der Personalentwicklung und Führungskräften und Teams zusammen, die Strukturen schaffen, psychische Belastungen ernst nehmen und Verantwortung übernehmen. Gemeinsam entstehen Konzepte, die Resilienz im Team stärken und eine gesunde Unternehmenskultur fördern. Führungskräfte lernen dabei, Warnsignale zu erkennen, Gespräche sicher zu führen und Belastungen frühzeitig zu reduzieren. Für sich selbst lernen Verantwortliche gesunde Selbstführung und Stressmanagement.
Befinden sich Beschäftigte bereits in einer belastenden Lebens- oder Arbeitssituation, bietet Wieners kurzfristig eine begleitende Psychotherapie an – vermittelt über den Betrieb, absolut anonym und je nach Vereinbarung arbeitgeberfinanziert. Obwohl fast jeder dritte Erwachsene im Laufe eines Jahres eine psychische Erkrankung entwickele, sei die Hemmschwelle bei Betroffenen oft groß, überhaupt Hilfe anzunehmen. „Der erste Schritt ist der schwierigste“, sagt Wieners. „Danach merken sie, dass sich eine Therapie nicht schwer und hart anfühlen muss, sondern erleichternd wirkt.“
Ein noch recht neuer Schwerpunkt ihrer Arbeit ist die zweitägige zertifizierte Ausbildung zum Mentalen Ersthelfer – ein aus Australien stammendes, evidenzbasiertes Konzept, das für Deutschland adaptiert wurde. Als eine von nur rund 500 akkreditierten Instruktorinnen und Instruktoren in Deutschland bildet sie sowohl Unternehmen als auch Einzelpersonen aus. Die Idee dahinter: Geschulte Laien erkennen psychische Belastungen frühzeitig und sprechen Betroffene sicher an – ohne eine therapeutische Rolle zu übernehmen. „Mentale Ersthelfer sind die stabile Seitenlage für die Seele“, bringt es Wieners auf den Punkt. „Sie bilden eine Brücke zur professionellen Hilfe, indem sie Veränderungen wahrnehmen, diese ansprechen, Orientierung anbieten und schließlich auch ermutigen, Hilfe anzunehmen.“ Für Betriebe bedeutet das: Belastungen werden früher sichtbar, Betroffene fühlen sich wahrgenommen und lange Ausfallzeiten lassen sich eher vermeiden. Das offene Präsenzangebot ist bislang das einzige im Bergischen Land.
Text: Justine Holzwarth