Rundgang durch Gräfrath - Mehr als Idylle
Die „gute Stube“ von Solingen wird der Altstadtkern von Gräfrath gern genannt. Die malerischen Gassen und der historische Marktplatz laden ein, Gastronomie, Kultur und kleine Läden zu entdecken – und zu entschleunigen.
Die meisten Besucher, die zum ersten Mal nach Solingen-Gräfrath kommen, landen zunächst auf dem historischen Marktplatz. Ein Ort, der auf den ersten Blick verzaubert. In der Mitte der Brunnen, drum herum einige Bänke. Zur einen Seite die von Bäumen beschattete Terrasse des Cafés Kaffeehaus mit Klappstühlen und Geranien-Kästen. Im Rund weitere verschieferte, meist giebelständige Fachwerkhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert sowie die evangelische Kirche aus dem 17. Jahrhundert. Der erweiterte Ortskern rund um den Marktplatz steht unter Denkmalschutz und zählt 120 Baudenkmäler – Fachwerk- und Schieferhäuschen ebenso wie stattliche bergische Patrizierhäuser.
Im 19. Jahrhundert war es vor allem der „Wunderheiler Dr. de Leuw“, Spezialist für Augenheilkunde, der die Entwicklung des Ortes beeinflusste und eine Art von Tourismus in Gang brachte. Aus dieser Zeit stammt auch das Hotel zur Post, das heute zum Häuser-Ensemble des Hotels Gräfrather Hof des Solinger Unternehmers Siegfrid Lapawa gehört. Er betreibt auch das Brauhaus Gräfrather Klosterbräu und sorgte vor über zwanzig Jahren dafür, dass viele denkmalgeschützte Häuser im Altstadtkern saniert wurden. „Hier auf diesem zentralen Platz spürt man viel vom Flair dieses Stadtteils“, meint Dirk Balke mit Blick auf den Marktplatz. Seit vier Jahren wohnt der freischaffende Künstler nicht nur in Gräfrath, sondern hat auch sein Atelier im Hinterbau eines Wohnhauses an der Straße In der Freiheit. Hier malt und kreiert er (Öl-)Bilder und Skulpturen, etwa seine Stillleben mit „Winke-Katze“. In einem verglasten Pavillon vor dem Haus steht der von ihm kuratierte Gräfrather Kunst-Cube. „Das ist quasi der kleinste Ausstellungsraum Solingens“, sagt er lachend. Ehrenamtlich engagiert sich Dirk Balke im Beirat des Gräfrather Heimatvereins und hilft mit, dass nicht nur traditionelle Veranstaltungen wie das Marktfest und Maiansingen stattfinden können, sondern auch neue, innovative Formate wie „Mittsommer in Weiß“ und „Kunst und Kostbarkeiten“. Tatsächlich ist das beschauliche Gräfrath der kleinste und besterhaltene Stadtteil von Solingen. Die Anfänge der historischen Siedlung gehen zurück bis ins Mittelalter: Der Augustiner-Chorfrauenstift soll 1185 gegründet worden sein. Das Gebäude thront am oberen Ende der 72-stufigen Klostertreppe hoch über dem Ortskern und beherbergt heute sowohl das Deutsche Klingenmuseum als auch im unteren Stockwerk das kleine Gräfrath-Museum des Heimatvereins. Ein Bummel durch Gräfraths Altstadt, enge Gassen mit Kopfsteinpflaster, verborgene Hinterhöfe und verwinkelte Ecke ist ein besonderer Genuss. „Man wird ein bisschen entschleunigt und in eine andere Zeit versetzt“, meint Dirk Balke. Von 2010 bis 2022 war er regelmäßig in der Galerie Art-Eck direkt am Markt zu finden. Hier stellte er seine eigenen Werke, aber auch die anderer Künstler aus. Heute bespielen Ela Schneider und ihre Tochter Emma den „lebendigen Ort für zeitgenössische bildende Kunst“. Begründet hat ihn der 1999 verstorbene Maler und Graphiker Jan Boomers, der Solingen unter anderem durch seine farbigen figurativen Kunstwerke und das von ihm ins Leben gerufene Solinger Kindermalfest prägte. Neben dem Eingang zum Art-Eck fällt eine gesprayte gelbe Banane auf. Dirk Balke erklärt: „Mit diesem Graffiti-Tag hat sich mein Freund, der Kölner Street Art-Künstler Thomas Baumgärtel, auf der Hauswand bereits 2014 verewigt.“
Schräg gegenüber am Gräfrather Markt gibt es seit über vierzig Jahren das Kaffeehaus, ein Bistro/Restaurant im Stil eines französischen Kaffeehauses. Dirk Balke kehrt hier wie viele Nachbarn und Solinger auch gerne ein: „Ob im Winter gemütlich drinnen, im Sommer an den Tischen auf dem Marktplatz – Peter von der Heiden und sein Team sind einfach tolle Gastgeber.“ Am Wochenende geht es um 10 Uhr mit Frühstück los, wochentags wird ein solider Mittagstisch angeboten, darüber hinaus jede Menge Kuchen- und Kaffeevariationen und bis in die Abendstunden warme Küche. Die Gastronomie spielt eine große Rolle in Gräfrath. Neben dem Kaffeehaus sind etwa das The Cornish Arms und das Casa Pedro echte Institutionen. Im rustikal-gemütlichen Pub The Cornish Arms, Täppken 19, gibt es eine Menge typisch britischer Gerichte, Guinness und Kilkenny vom Fass sowie diverse Whisky-Sorten. Ab und an organisieren Susi und Klaus Krämer Live-Konzerte. Und gleich nebenan betreiben sie ein nettes Gästehaus mit insgesamt fünf Zimmern.
Im Casa Pedro gibt es, wie der Name vermuten lässt, seit 1999 spanische Spezialitäten. Pedro Hernandez und sein Team versprühen südländische Gastlichkeit, drinnen wie auch draußen vor der Tür an Tischchen mit Blumen-Deko. Doch auch, wenn hier am Wochenende immer eine Menge los ist, legt der Gastronom die Stirn in Falten: „Wir haben ja an sieben Tagen in der Woche auf, aber die Gewohnheiten unserer Gäste haben sich geändert. Sie konsumieren weniger und kommen seltener. So ist das eben. Aber ich muss ja mein Personal bereithalten und bezahlen und das wird immer schwieriger. Es gibt immer weniger Geschäftsessen, weniger und kleinere Messen. Das bedeutet für uns de facto Einbußen, und ich würde mich freuen, wenn wieder mehr Gäste auch unter der Woche kommen.“
Recht neu am Markt ist die Maku Weinbar, geöffnet donnerstags bis sonntags. Hier bieten Sommelier Pascal Schulte und sein Team offene Weine, Crémants und Prosecco in Verbindung mit Tapas, Toasts, Focaccia, Pizzen oder einem Käsebrett an. Ab und zu gibt es Wein-Tastings und Events. Aber Gräfrath lebt nicht nur von seinen gastronomischen Angeboten. Neben dem Eiscafé Giulia am Markt glitzert im Schaufenster der Galerie Goldbarsch der handwerklich individuell angefertigte Schmuck der drei Goldschmiedinnen, die hier kreativ sind. Schräg gegenüber befindet sich seit vielen Jahren das Antikhaus mit edlen Raritäten wie Uhren, Gemälden, Besteck und Bronzefiguren.
Um die Ecke hat Augenoptikermeister Stefan Scholz seinen stilvollen Laden, in dem er exklusive Brillen-Mode sowie handgefertigte Stücke mit einer „besonderen Note“ anbietet. Und ein paar Schritte weiter hat vor wenigen Wochen Cindy Nissen ihr Einzelhandelsgeschäft Kunst-Blume eröffnet, wo sie neben künstlerisch anmutenden Blumen-Kompositionen auch ausgewählte Dekorationsartikel anbietet.
Seit sechs Jahren gibt es im Haus In der Freiheit 44 den kleinen Concept-Store Käthe und Juuls. Gegründet haben ihn zwei junge Grafikdesignerinnen. Heute trifft man in dem Lädchen meist Petra Kranick an, die Wert auf eine individuelle Auswahl an Geschenken, Deko-Artikeln, Schmuck, Handtaschen und ausgefallenen Kleidungsstücken legt, ebenso gibt es hier designte Postkarten. Sie meint: „In unserem kleinen Laden kann man in Ruhe stöbern und sich inspirieren lassen. Deshalb läuft im Hintergrund auch immer chillige Musik.“ Besonders beliebt sei auch die Bonbon-Ecke, wie es sie früher in Tante-Emma-Läden gab: „Da greifen nicht nur Kinder, sondern allzu gern auch Erwachsene zu.“
Auf dem Weg nach Hause macht Dirk Balke im Atelier Seraphine, In der Freiheit 18, einen Zwischenstopp. Inhaberin Sabine Danielzig ist seit 2004 in Gräfrath ansässig und bietet Kurse in Kalligrafie an. Im Atelier geht es aber auch um Malerei, Vergoldung und Ikonen. Einerseits verkauft sie, was man benötigt, um selbst kreativ zu werden, andererseits übernimmt sie auch Auftragsarbeiten. Ihr Atelier ist ein fast verwunschener Ort, in dem die Zeit stillzustehen scheint. „Man braucht schon eine Liebe zur Schrift, zur Poesie und auch zum Rückzug, um sich der Kalligrafie zu widmen“, meint die Wuppertalerin. Es sei weit mehr als nur die Technik, man müsse mit seinem ganzen Körper eintauchen: „Ich vergleiche das mit Operngesang. Man nutzt dafür seine Stimme, die jedem zur Verfügung steht, aber nur wenige erreichen diese Sangeskunst.“ Ihre Kunden und Kundinnen kommen aus der Region, ganz Nordrhein-Westfalen und auch darüber hinaus.
Vom Altstadtkern sind es nur zehn Minuten zu Fuß zum ehemaligen Gräfrather Rathaus an der Wuppertaler Straße, er-baut 1908. Es beherbergt heute sowohl das Restaurant Junkbrunnen (gute Küche, schöner Outdoor-Bereich) als auch das 2015 eröffnete, einzigartige Zentrum für verfolgte Künste und auch das Kunstmuseum Solingen. Das Museum bewahrt die Kunstsammlung der Stadt Solingen: rund 10.000 meist regional bezogene Kunstwerke sowie ein Teil des Oeuvres von Georg Meistermanns, einem der bedeutendsten deutschen Nachkriegskünstler. Dirk Balke ist Mitglied im Freundeskreis Kunstmuseum Solingen e. V. und arbeitet hier auch als Dozent. Von Beginn an, also seit 1996, leitet Gisela Eglbracht-Iglhaut das Haus. Ende September wird hier wieder die „Internationale Bergische Kunstausstellung“ zu sehen sein, bei der auch Absolventinnen und Absolventen der Düsseldorfer Kunstakademie teilnehmen. Ebenso findet hier einmal jährlich die dreiwöchige Jahresschau Solinger Künstler e. V. statt. „In den dreißig Jahren seit der Gründung hat sich hier viel getan“, so die Direktorin. „So konnten wir etwa das Angebot für Kinder und Schulklassen ausbauen, unser Museumsshop erfreut sich großer Beliebtheit und auch unsere Konzertreihe ‚Junge Pianisten Elite‘ hat sich mehr als etabliert.“ Besonders freut sie sich über die große Resonanz auf die sommerlichen „Klappstuhl-Konzerte“, die in enger Kooperation mit dem Restaurant Junkbrunnen durchgeführt werden.
Regelmäßig besucht Dirk Balke auch den spektakulären Lichtturm im ehemaligen Wasserturm, etwa zwei Kilometer vom Stadtkern entfernt. Hier ist die höchste Stelle von Solingen, 276 Meter über NN. Der renommierte Lichtgestalter Johannes Dinnebier funktionierte den Turm zu einer außergewöhnlichen Location um, die für besondere Events gemietet werden kann. Ansprechpartner sind Daniel Klages und sein Sohn Jakob. Im obersten Stockwerk zeigen sie den lichtdurchfluteten Glaskuppelsaal: Wo sich früher das Wasserreservoir des Turmes befand, hat man heute einen weiten Blick übers Bergische Land. „Das ist schon einzigartig, dass Kunst und Kultur, Einzelhandel, Gastronomie und auch viel Grün so nah beieinander sind und man schnell zu Fuß vom einen zum anderen Ort kommt“, meint Dirk Balke. Was seiner Meinung nach unbedingt noch erwähnt werden muss, sei der kleine Tierpark Fauna, der sich schräg gegenüber des Lichtturms befindet. Rund 400 Tiere leben hier, von exotischen Vögeln über Echsen und Warane, Erdmännchen, Lamas und Damhirsche bis zu Mufflons und Alpakas. Ein Eldorado mit Spielplätzen und Cafeteria, gerade für Kindergartenkinder und Grundschüler. Insofern hat der kleinste Stadtteil wirklich für jeden etwas zu bieten.
Text: Liane Rapp