„Dritte Orte sind relevant für die Demokratie“ - Bedeutung der Innenstadtplanung

Prof. Guido Spars lehrt an der Bergischen Universität Ökonomie des Planens und Bauens. Er findet funktionierende Stadtzentren wichtig für die Demokratie.

Der Niedergang dieser großen Warenhäuser hat seinen Ursprung im veränderten Nachfrageverhalten. Trotzdem ist das Konzept nicht völlig unbrauchbar. Es gibt Beispiele einer Transformation Richtung Luxusartikel: Das KdW in Berlin oder Alsterhaus in Hamburg funktionieren noch sehr gut. Die zweite Spielart sind Department-Stores, wo man versucht, Regionales/Lokales in den Mittelpunkt zu stellen und mit Pop-up-Stores und Kultur zu verknüpfen.

In Recklinghausen wurde das ehemalige Karstadt-Kaufhaus in das „Marktquartier“ überführt, wo inhabergeführte Geschäfte, ein Hotel, Aldi, eine Apotheke und ein Café integriert wurden. Aber auch ein Zahnarzt, Büros und seniorengerechtes Wohnen – also ein großes Potpourri an Nutzungen, die sich zum Teil gegenseitig unterstützen. Oder Hertie in Oldenburg, der in das „Core“ umgebaut wurde. Das ist sowohl Markthalle für regionale Produkte als auch Coworking-Space und wird als regionaler Innovationsort vermarktet. Das alte Postgebäude in Bochum wurde zum Haus des Wissens mit Stadtbibliothek, Volkshochschule und Markthalle sowie Dachgarten.

Die Städte können Zwischennutzungen zulassen, etwa Pop-up-Stores, Start-ups, Handwerk oder soziale Projekte. Dann können Förderprogramme und Verfügungsfonds genutzt werden. Finanzielle Zuschüsse können Existenzgründer und kleinere Läden bei der Anmietung von Flächen unterstützen. Ein dritter Ansatzpunkt wären Citymanagement und Netzwerke, weil sich häufig in den Innenstädten die Akteure nicht gut genug kennen. Manchmal sind auch Akteure aus der Bürgerschaft bereit, sich zu engagieren. Dieser Prozess muss organisiert werden.

Das ist eine kommunalpolitische Frage – aber es kann sinnvoll sein bei einem guten Konzept, das Frequenz bringt. Es sollte aber der letzte Schritt sein. Städte können auch Initiator sein oder Vermittler, Mediator in einem solchen Prozess und können als Mieter auftreten, etwa für Teile der Verwaltung, oder als Zwischennutzer oder Zwischeninvestor.

Seit den 1990er-Jahren gab es eine starke Filialisierung, Internationalisierung und Spezialisierung. Dann entwickelten sich Malls. Inhabergeführte kleine Läden und Warenhäuser haben stark verloren. Dazu kamen in den 2010er-Jahren viele Herstellermarken mit eigenen Geschäften auf den Markt, wie Boss, Nike oder Brax. Ab dieser Zeit schlug der Onlinehandel immer mehr zu, vor allem bei Unterhaltungselektronik, Büchern, Bekleidung, Schuhen. Das geht inzwischen zu 40 Prozent über den Onlinehandel. Seit 2010 haben 30 Prozent der inhabergeführten Fachgeschäfte aufgegeben. In den letzten zehn Jahren sind 70.000 Geschäfte in Deutschland geschlossen worden, von 366.000 auf 296.000 – das ist schon heftig.

Demokratie und Stadtentwicklung sind eng miteinander verknüpft, das belegen Studien. „Dritte Orte“ sind relevant für die Demokratie, also Räume, in denen Menschen sich treffen und austauschen können. Und wenn man Menschen an den Prozessen der Veränderung beteiligt, empfinden sie sich als Entscheider und Mitgestalter – das ist ein wichtiger politischer Prozess. Auch dass die Stadt schön ist und funktioniert, ist ein wichtiges Bedürfnis der Menschen.

Das Gespräch führte Tanja Heil.

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