- Die Bergische Wirtschaft vor 50 Jahren

Ein Blick ins Archiv verrät: Nachrichten bleiben langeinteressant. Manche Nachricht ist heute kurios, manche lange vergessen, manche Texte sind noch heute hoch­aktuell. Wir blicken mit Ihnen ab jetzt in loser Folge in das Archiv der Bergischen Wirtschaft. Heute: Juli 1976.

von Wolfgang Oehme, Vorstandsvorsitzender der ESSO AG

Man könnte mitunter den Eindruck gewinnen, „der“ deutsche Unternehmer fühle sich unverstanden. Da wird über eine undankbare Verkennung seiner Leistung beim Wiederaufbau unserer Wirtschaft, bei der stetigen Verbesserung der materiellen Situation aller Schichten der Bevölkerung, bei der maßgeblichen Mitwirkung am Aufbau des Netzes sozialer Sicherungen und bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen geklagt. Da kommt Wehmut auf bei der Erinnerung an die gute alte Zeit, als das Wort Unternehmer in der Öffentlichkeit noch uneingeschränkt ein Ehrentitel und Gütebegriff zugleich war. Und da zeigen sich vereinzelt Trotzreaktionen: Sollen „die“ doch sehen, wie sie ohne uns auskommen. Es ist für mich kein Zweifel, daß das Unbehagen mancher Unternehmer auf eigenes Versagen zurückzuführen ist, nämlich auf eine Führungsschwäche im gesellschaftspolitischen Bereich. Der Unternehmer steht an der Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Gesellschaft. Er ist der entscheidende Mittler zwischen gesellschaftlichen Bedürfnissen und wirtschaftlichen Möglichkeiten. In dieser Funktion muß er gegenüber sozialen und politischen Entwicklungen in gleichem Maße sensibel sein wie gegenüber wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Tatsächlich hat er aber seine Aufgabe in der Vergangenheit häufig zu einseitig nur im rein wirtschaftlichen Bereich gesehen. Das ging gut, solange gesellschaftliche Bedürfnisse und produktive Leistung, verbunden durch den Transformationsriemen der wirtschaftlichen Logik, synchron liefen. Während die Gesellschaft zu zweifeln begann, ob denn ein „Mehr“ auch immer ein „Besser“ sei, hatten die Unternehmer nicht viel mehr in die Diskussion einzubringen als Siegsmeldungen von der Umsatzfront und Hinweise auf den wachsenden Wohlstand der Bevölkerung. Zudem haben sie sich leider sehr häufig in eine un-differenzierte Anti-Haltung zu neuen gesellschaftlichen Zielen und Forderungen treiben lassen. Sie haben sich das Negativ-Image des ewigen Neinsagers aufprägen lassen. Einmal mit diesem Stempel gekennzeichnet, wurde es ihnen zunehmend schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Sie haben damit weitgehend ihre Führungsrolle im gesellschaftspolitischen Bereich aufgegeben. Denn Führen bedeutet nun einmal Vorangehen, nicht aber hinter dem Troß herhumpeln. Wenn das Unternehmerbild in der Öffentlichkeit heute nicht mehr überall nur sympathische Züge trägt, so sind die Unternehmer daran nicht unschuldig. Und ich glaube persönlich, daß das eine recht nützliche Erfahrung sein kann, wenn sie dadurch aus ihrem gesellschaftspolitischen Dornröschenschlaf aufgeschreckt werden.

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