Zirkuläre Wirtschaft - Neugier, Vertrauen und Mut
Leonie Werth (Neue Effizienz) und Dr. Elvira Radaca (Bergische Universität) vertreten das Projekt Bergisch Kompetenz. Metallverarbeitende Unternehmen werden auf dem Weg zur zirkulären Wirtschaft unterstützt – etwa durch einen Potenzialcheck. Am 24. September findet der Kongress „Region im Wandel" statt.
Leonie Werth: Im Bergischen Städtedreieck ist vor allem die metallbe- und verarbeitende Industrie stark vertreten – eine ressourcen- und energieintensive Branche. Die aktuelle Weltlage verdeutlicht, dass sichere Energie- und Lieferketten nicht mehr als selbstverständlich betrachtet werden können. Es besteht ein konkreter Handlungsbedarf, um Ressourcen möglichst lange im Kreislauf zu halten.
Dr. Elvira Radaca: Mit Blick auf Innovationsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit ist es für den Erhalt der KMU sehr wichtig, sich in diese Richtung neu aufzustellen. Das gilt sowohl im lokalen als auch im globalen Kontext. Die Ausrichtung zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft spielt auch bei der Unternehmensnachfolge eine wichtige Rolle. Häufig fehlt es an Interessierten für eine Übernahme, weil Unternehmen nicht ausreichend zukunftsfähig aufgestellt sind – etwa weil Themen wie KI, Digitalisierung und Kreislaufwirtschaft bislang nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Das sollte perspektivisch mitgedacht werden, damit die Unternehmen im Wettbewerb mit globalen Playern bestehen können.
Radaca: Natürlich kann es sehr kostenintensiv werden, aber es gibt viele kleine Maßnahmen, die nichts kosten. Gerade wenn es um kulturelle Themen geht.
Werth: Häufig liegt der Fokus auf der Material- und Prozessebene – viele Unternehmen sind von selbst darauf bedacht, allein aus ökonomischen Gründen. Ein unterschätztes Potenzial liegt darin, die Mitarbeitenden zu befähigen und sie einzuladen, sich einzubringen. Transformation sollte gemeinsam in der ganzen Organisation gestaltet werden.
Radaca: Ohne eine passende Firmenkultur kann Transformation kaum gelingen. Egal, wie gut ich ausgestattet bin und investiere, wenn die Beschäftigten nicht das Mindset vertreten, funktioniert es nicht. Das gilt für alle Ebenen. Bei Bergisch Kompetenz entwickeln wir von unten Maßnahmen wie auch von oben. Projekte, bei denen alle beteiligt werden, gehen stärker in die DNS des Unternehmens über und werden nachhaltig verankert.
Werth: Einen Kreislauf kann man nicht allein aufbauen – es braucht unterschiedliche Kompetenzen. Das zeigt sich auch in unserem Projektkonsortium, wir haben etwa Expertise aus der Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie, der Fertigungstechnologie und der Produktinnovation. Die beteiligten Firmen sind Bauer und Böcker, P.F. Freund & Cie und Muckenhaupt und Nusselt. Es braucht vielfältige Kompetenzen und Synergien. Denn Transformation ist nicht allein eine Frage technischer Lösungen – sie gelingt vor allem dort, wo unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen und sich gegenseitig ergänzen. Etwa wenn es darum geht, Veränderungsprozesse in Organisationen zu verstehen und zu begleiten. Der Kongress bringt daher gezielt Akteure aus Praxis und Wissenschaft zusammen.
Radaca: Viele Unternehmen befinden sich in verschiedenen Stufen der Zirkularität. Genau deshalb ist der Austausch so wertvoll: Wer bereits Erfahrungen gesammelt hat, kann anderen Orientierung geben, und gemeinsam entstehen oft bessere Lösungen. Im Bergischen Städtedreieck funktioniert das besonders gut, weil viele Akteure ähnliche Herausforderungen haben, sich kennen und ein hohes Maß an Vertrauen besteht.
Radaca: Es geht um die Befähigung der Unternehmen, die Transformation von innen anzugehen. Daher haben wir einen Katalog an Maßnahmen und Formaten entwickelt, der sich an fünf Handlungsfeldern orientiert – Organisationsentwicklung, politische Rahmenbedingungen, Netzwerk, Geschäftsmodellentwicklung und Wertschöpfungskette. In jedem Feld sind Fachleute von der Neuen Effizienz, der Universität Wuppertal, TAW, CSCP, FGW, Wuppertal Institut, Fraunhofer Umsicht und Beck und Consorten beteiligt. Wir haben verschiedene Formate entwickelt, um an das Thema heranzuführen. Gerade entwickeln wir ein Planspiel, vergleichbar mit einem Börsenspiel. Darin lässt sich virtuell investieren, Ressourcen einsetzen und verschiedene Szenarien durchspielen, um zu sehen, welche Auswirkungen dies im Unternehmen hätte. Das Planspiel wird noch in diesem Jahr fertiggestellt. Ergänzend dazu gibt es etwa ein Führungskräftetraining, das Zirkularität gezielt von oben nach unten in Unternehmen verankern soll.
Werth: Zudem haben wir, gemeinsam mit den Unternehmen, verschiedene Use-Cases entwickelt, die wir beim Kongress vorstellen werden. Ein weiteres Ergebnis ist der Bergisch-Kompetenz-Contest, bei dem Studierende im Rahmen einer Vorlesung reale Problemstellungen der Unternehmen angehen und Lösungsansätze entwickeln. Auch der Potenzialcheck ist bei dem Projekt entstanden.
Radaca: Wir gehen während der Projektlaufzeit kostenfrei in die Unternehmen und analysieren ganzheitlich die Potenziale der Unternehmen. Auf diese Weise identifizieren wir, welchen Reifegrad das Unternehmen hat und welche Baustellen sinnvollerweise angegangen werden können. Die Firmen haben dann einen Potenzialbericht über den Stand der eigenen Zirkularität und Planungssicherheit, was jetzt anstehen sollte.
Werth: Was uns von anderen Angeboten unterscheidet, ist, dass wir eine langfristige Transformation anstreben. Wer den Potenzialcheck mitgemacht hat, kann im Anschluss den Maßnahmenplan mit den Workshops/Angeboten durchführen. Es ist kein klassischer Beratungsansatz, bei dem externe Expertinnen und Experten kommen, Wissen dalassen und anschließend wieder weg sind. Wir wollen die Reise gemeinsam weitergehen. Der Potenzialcheck kann auch wiederholt werden, um Fortschritte sichtbar zu machen und weitere Schritte zu planen.
Radaca: Das geförderte Projekt dauert bis April 2027, wir versuchen alle Unternehmen, die sich bis dahin melden, zu berücksichtigen. Zudem soll das entstehende Kompetenzzentrum auch nach dem Ende des Projekts weiterbetrieben werden. Am Kongress im September kann man erfahren, wie das Ganze verstetigt werden kann. Die im Projekt entwickelten Workshops, Planspiele und Formate sollen Unternehmen auch nach Projektende weiterhin zugänglich sein.
Werth: Der Begriff zirkuläre Wirtschaft muss weniger groß und schwer gedacht werden. Häufig sind es kleine Schritte, die sich leichter umsetzen und testen lassen. Gleichzeitig braucht es langfristiges Denken – Transformation lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen, sondern entwickelt sich über die Zeit. Wichtig ist zudem, dass Unternehmen ihre Erfolge sichtbar machen und aktiv kommunizieren.
Radaca: Mir sind drei Begriffe wichtig. Neugier, Vertrauen und Mut. Die drei Unternehmen aus dem Projekt zeigen, dass Zirkularität in ganz unterschiedlichen Größen und Branchen funktioniert. Entscheidend ist nicht, sofort alles perfekt zu machen, sondern überhaupt anzufangen.
Radaca: Klarheit. Viele Unternehmen sagen uns, es fehle an Klarheit. Niemand weiß aktuell, was man machen muss und was nicht. Da fehlt es an klarer Kommunikation. Und die Unternehmen erwarten, dass Entscheidungen auch Bestand haben und nicht nach kurzer Zeit zurückgenommen werden. Zudem wünschen sich Unternehmen, dass Auflagen auch mit Feedback versehen werden, ob man das, was gemacht wird, auch gut gemacht wird.
Das Gespräch führte Eike Rüdebusch.