Start-up-Innovation aus Solingen - Gerechtigkeit nach Unfällen

Das Legal-Tech-Produkt Unfallnavi kam vor sechs Jahren auf den Markt und verzeichnet mittlerweile über 600 Neukunden monatlich. Hanno Morgenstern und Pierantonio Tassone unterstützen Geschädigte bei der Schadensabwicklung.

„Gerechtigkeit auf Knopfdruck“ nennt es der Geschäftsführer von Unfallnavi Hanno Morgenstern (37), wenn seine Kunden nicht alleine professionellen Versicherern gegenübertreten müssen. Der Wissensstand beider Parteien weist eine klare Asymmetrie auf, findet der Unternehmer, und dabei gehen nicht einmal sechs Prozent der Betroffenen zu einem Anwalt aus Angst vor Kostenrisiken.

Genau darauf verzichtet die Firma, wenn sie eine unkomplizierte und kostenfreie Schadensabwicklung von Anfang bis Ende verspricht. Unfallmeldungen werden rund um die Uhr über das Webportal und die App entgegengenommen, tagsüber ist das Team telefonisch und über Whatsapp erreichbar. Angefangen bei Vermittlung von Sachver­ständigen bis hin zum Mietwagen übernimmt der Dienstleister die nachfolgende Kommunikation mit der Haftpflicht des Unfallgegners. Das Honorar von Unfallnavi bildet die Rechtsdienstleistergebühr im Rahmen der Schadensersatzzahlung. Und wenn der Kunde im Unrecht ist? Dann nimmt das Unternehmen einen Ausfall in Kauf. Seit seinem Bestehen setzte Unfallnavi nach eigenen Angaben mehr als 28 Millionen Euro Schadensersatz durch, im Einzelfall erhielten Geschädigte durchschnittlich 350 Euro mehr, als die Versicherung ursprünglich zahlen wollte. Die Geschichte von Unfallnavi wurzelt in Universitäten und Start-up-Kultur. Hanno Morgenstern studierte Volks- und EU-Recht an der Universität zu Köln und musste bei seinem studentischen Nebenjob in einer Verkehrsrechtskanzlei oft Routineaufgaben übernehmen. „Mensch, im Grunde genommen schreit das Ganze nach Digitalisierung und Automatisierung“, dachte sich der Volljurist damals. Der Co-Gründer und Marketing-Chef von Unfallnavi Pierantonio Tassone (33), der gerade seinen Master in Business Administration in Köln abschloss, stieß dazu. „Und dann ging das alles plötzlich ganz schnell“, sagen sie heute.

Im Vergleich zu einer Rechtskanzlei bot ihnen der Status eines Rechtsdienstleisters auf Start-up-Basis – dem ersten seiner Art in Deutschland – ganz andere Möglichkeiten. Die Befreiung vom anwaltlichen Berufsrecht ermöglichte es Unfallnavi, als interdisziplinäres Team zusammenzuarbeiten und Investorenkapital aufzunehmen. In den ersten Jahren blieben die Zahlungen fast vollständig aus, weil die Versicherer sie nicht anerkannten. Mit Gutachten und Gerichtsurteilen musste viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Mittlerweile hat das Unternehmen über 50 Mitarbeitende, allein 36 Personen sind in die operative Bearbeitung von Verkehrsunfällen einbezogen. „Die erste Zeit haben wir damit verbracht, Versicherern zu beweisen, dass es uns überhaupt geben darf. Heute stellt das niemand mehr in Frage. Jetzt geht es darum, dass uns jeder Unfallgeschädigte kennt“, sagt Tassone.

Bei den jährlich rund zweieinhalb Millionen polizeilich erfassten Verkehrsunfällen in Deutschland liegt ihr Anteil noch unter einem Prozent, sagen die Gründer. Und trotzdem bearbeiten sie damit schon mehr Fälle als 99 Prozent aller Verkehrsrechtskanzleien.

Um die riesigen Datenmengen zu bewältigen, setzt das Team beim Auslesen von Dokumenten und Akteninhalten oder beim Verfassen formalisierter Texte auf KI-Modelle. Die über Jahre generierte Wissensdatenbank kann Vorschläge für die Gegenargumentation formulieren, aber die anschließende Überprüfung und Entscheidung bleiben analog – ebenso wie der persönliche Kontakt zu Kunden. „Wir versuchen, allen Zielgruppen auf allen Wegen gerecht zu werden“, sagt Tassone, und wenn das jemandem lieber ist, dann bekommt er die Akte auch mit der Post.

Text: Evgenia Gavrilova

Mit Ihrer Erlaubnis verwenden wir Google Analytics, um den Traffic auf dieser Website zu analysieren. Sie können Ihre Entscheidung jederzeit unter Datenschutzerklärung ändern.