Rundgang durch Cronenberg - Viel los im „Dorp“

Cronenberg ist nicht nur eine Wiege der deutschen Werkzeugindustrie und weltbekannt für hochwertiges Hand- und Spezialwerkzeug. Der südlichste Stadtbezirk Wuppertals lockt mit einem lebendigen Mix aus Handel, Gastronomie und Kultur in einem malerischen Fachwerk-Idyll.

Hier bietet sich eine spektakuläre Aussicht bis zu den Rheinebenen nach Düsseldorf und Köln – nachdem 154 steile Stufen zweier enger gusseiserner Wendeltreppen hinauf in die Laterne des Zwiebelturms der reformierten evangelischen Kirche in Wuppertal-Cronenberg bezwungen sind. Mit ihrer markanten Haube am 50,5 Meter hohen Turm ist die Kirche ein bedeutendes Bauwerk des Spätbarocks im Bergischen Land. Abgesehen vom Weitblick gibt es auch in direkter Nähe so einiges zu entdecken: Wie eine Miniatur liegt den Besuchern die Cronenberger Innen- und Altstadt buchstäblich zu Füßen und macht von oben Lust darauf, auf Erkundungstour zu gehen.

Auf einer Fläche von knapp sechs Quadrat­kilometern erbaut, pulsiert in Cronenberg-Mitte das Leben, es gibt zahlreiche Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten. Etwas mehr als 6.500 Menschen leben hier, wo Fachwerkhäuschen mit grünen Schlagläden und Schiefervertäfelungen ein bergisches Idyll ergeben. Nach dem Abstieg vom Turm findet man sich auf dem Kirchplatz an der Reformierten Kirche im Herzen des Stadtteils wieder, dem sogenannten „Platz für Alle“, der im Oktober 2021 eingeweiht wurde und ein gemeinschaftliches Projekt der Evangelischen Kirchengemeinde als Eigentümerin und des Cronenberger Heimat- und Bürgervereins e. V. (CHBV) als Betreiber des Platzes ist. „Nachdem hier ein marodes Gebäude abgerissen wurde, konnten wir mit Landesfördermitteln den Platz sanieren und umgestalten“, erklärt Axel Dreyer. Vor rund 20 Jahren zugezogen, engagiert er sich in vielen Bereichen im „Dorp“. Dreyer ist nicht nur etwa im Cronenberger Heimat- und Bürgerverein e. V. (CHBV) aktiv, sondern auch Vorsitzender des Bergischen Klimaschutzvereins Cronenberg e. V. sowie des noch jungen Vereins Forum Zukunft e. V., der sich gegründet hat, um das bürgerschaftliche Miteinander im „Dorp“ zu stärken und lokale Vereine enger zu vernetzen. Der Verein hat seinen Sitz im etwa 225 Jahre alten Gebäude des ehemaligen „Cronenberger Anzeigers“, das nach Renovierungs­arbeiten als Geschäftsstelle und zentraler Treffpunkt für Vereine und Engagierte entwickelt wird.

„Der Platz für Alle ist ein Ort für alle Bürgerinnen und Bürger. Er ist ein Ort der Offenheit, des Miteinanders und des Respekts“, beschreibt Axel Dreyer die Vision zur Nutzung der Freifläche. Den zentral gelegenen, durch den Kirchenbau jedoch vom Hauptverkehr abgeschirmten Platz zieren alte Schleifsteine. Sitzbänke laden zu einer Pause ein im Schatten von großen Bäumen. Dazu gesellen sich eine begrünte Pergola, ein großes, festes Schachbrett mit Figuren, ein festverbautes Memory-Spiel mit Cronenberger Motiven sowie eine kleine Bühne. Diese wird oft bei öffentlichen und privaten Veranstaltungen bespielt. Ein Online-Veranstaltungskalender auf der CHBV-Webseite zeigt an, was auf dem Platz los ist: Ob der Feierabendmarkt, Wochen- oder Flohmärkte,Konzerte, Ausstellungen, Boule, Pflanzen­tauschbörsen, kirchliche Feste oder das kunterbunte Picknick – die Vielfalt der Aktivitäten zeigt, wie lebendig Cronenberg ist. Wer hier einfach nur sitzen und ein Buch lesen möchte, findet eine große Auswahl in der Buchhandlung Nettesheim. Teamleiter Alexander Schuster und seine Kolleginnen und Kollegen geben gerne maßgeschneiderte Büchertipps, sie kennen die literarischen Vorlieben der Cronenberger Stammkundschaft.

Händlerinnen und Händler, Gastronomen, Unternehmer und Aktive sind stark mit ihrem Stadtteil verbunden, meist sind sie langjährig, gar in zweiter, dritter oder vierter Generation am Standort. „Es gibt hier eigentlich alles vor Ort, man muss den Berg gar nicht verlassen“, lacht Axel Dreyer. „Man bekommt Waren des täglichen Bedarfs wie gleichermaßen Besonderes.“ So etwa täglich frisches Obst und Gemüse im Cronenberger Früchtekorb bei Nick Hufschmidt, der auch innerhalb Cronenbergs nach Hause liefert. Im Nelle Haus gibt es neben Schönem zum Verschenken und Behalten, wie Dekoration und Tischwäsche, auch Schreibwaren und Schulartikel, außerdem ist im Ladenlokal noch ein Postshop integriert. „Los ging es mit Farben und Tapete“, erzählt Inhaberin Frauke Nelle, die den Laden von ihren Eltern vor rund 30 Jahren übernommen hat. Der Vater, Malermeister, brachte Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge mit, die Mutter erweiterte das Sortiment nach und nach.

Wer lieber Erinnerungen in persönlicher Aufmachung verschenken möchte, ist bei Olaf Hensel von Foto Media Hensel richtig. Im über 40 Jahre alten Familienbetrieb mit einer beeindruckenden Sammlung von alten Fotoapparaten, die eines Museums würdig wäre, bietet Olaf Hensel fachkundige Unterstützung bei allen Anliegen rund um Fotografie und Einrahmungen. In einem altbergischen Haus erstellt er Studioaufnahmen im Bereich Porträt, Hochzeit und Werbung sowie Passbilder, Reproduktionen, Bildbearbeitungen, Bilder-Collagen, Kunstdrucke und Karten. „Fotos machen wir auf Wunsch natürlich auch gerne draußen“, so Hensel. Die passenden Rahmen und Passepartouts werden bei ihm in der eigenen Werkstatt gefertigt.

Auch Augenoptiker und Hörakustiker Martin Müller führt mit „Müller für die Sinne“ an der Hauptstraße ein traditionsreiches Familienunternehmen. Seit über 60 Jahren im Dorp verwurzelt, bietet das Fachgeschäft Brillen und Hörsysteme in allen Preiskategorien. Durch regelmäßige Weiterbildungen, Messebesuche, den Austausch mit Fachkollegen und die Mitgliedschaft in wichtigen Fachverbänden behält Müller die Trends im Auge. Er schätzt vor allem das Persönliche am Standort: „Unsere Kundschaft kommt überwiegend aus Cronenberg und ist uns sehr verbunden. Das fördert natürlich auch die individuelle Beratung.“ Das sieht auch Apotheker Markus Hausmann so. Heute sei die persönliche Beziehung zur Kundschaft entscheidender denn je — in seiner Amboss Apotheke ist er mit einem rund zehnköpfigen Team zu allen gesundheitlichen Themen ansprechbar und hat regelmäßig im Notdienst geöffnet.

Stationäre Apotheken seien unverzichtbar: „Wir kennen oft die gesundheitliche Situation und die bereits bestehende Medikation — so können wir beispielsweise auf Wechselwirkungen individuell eingehen.“ Individualität und Herzlichkeit zeichnen auch das kulturelle und nachbarschaftliche Leben in den beschaulichen Gassen aus. Etwa die in einem Fachwerkhäuschen beheimatete Kulturschmiede als kleine, aber feine Location mit Platz für gut 30 Personen, entstanden aus einer Nachbarschaftsinitiative. Der Verein „Kulturschmiede e. V. An der Hütte drei“ bietet Vorträge zu wissenschaftlichen und zukunftsweisenden Themen, Kunst und Kultur, Sprachkurse, verschiedene Workshops, Literatur und Gastlichkeit, Stammtische oder kleine private Feiern wie Konfirmationen oder Geburtstage. Im urigen bergischen Vereinshaus des CHBV, liebevoll „Die Hütte“ genannt, treffen sich Vereinsmitglieder und Gäste jeden Samstagvormittag.

Über die Stadtteilgrenzen hinaus bekannt ist das TiC — das Theater in Cronenberg. 1986 gegründet und heute als gemeinnützige GmbH organisiert, realisieren hier seit 40 Jahren talentierte Menschen unter professioneller Anleitung mit großem Erfolg und Beliebtheit Theaterstücke. Die Mitwirkung in TiC-Produktionen ist häufig das Sprungbrett in Schauspiel- oder Musical-Berufe. Auch viele der hinter den Kulissen Tätigen haben eine Ausbildung zum Veranstaltungs- oder Bühnentechniker absolviert. In zwei Spielstätten, an der Borner Straße sowie fußläufig entfernt an der Straße Unterkirchen, können die Gäste in insgesamt drei Theaterräumen mit intimer Atmosphäre ernste und komödiantische Inszenierungen, mit und ohne Musik, für Groß und Klein erleben.

Nach dem Einkaufen oder vor dem Theaterbesuch sind Gastlichkeit und „Töttern“ angesagt, in einem der zahlreichen Restaurants und Cafés. Wer die Wahl hat, hat die Qual zwischen zwei Dorper Institutionen: So lädt das Born Café im Hause vom Cleff am Hans-Otto-Bilstein-Platz in seine über 100 Jahre alten Räumlichkeiten eines denkmalgeschützten Schieferhauses mit Mansardendach — und bei gutem Wetter auch in seine Außengastronomie im Schatten der rund 156 Jahre alten Friedenseiche, an der auch die historische Stadtführung startet. Hier gibt es Kaffee, hausgemachte Kuchen, Waffeln, Pfannkuchen, wechselnde Tagesgerichte und Frühstück.

Mit der gesamten Bandbreite selbstgebackener herzhafter und süßer Köstlichkeiten wartet „Policks Heimat“ an der Hauptstraße auf — mit ca. 500 Quadratmetern die größte der insgesamt neun Wuppertaler Filialen der bergischen Traditionsbäckerei Policks Backstube. Hier ist selbst unter der Woche vormittags jeder Tisch belegt. Ob Handwerkerfrühstück, herzhafter Mittagssnack, Kaffeeklatsch oder Stammtisch — hier treffen sich Jung und Alt aus dem Stadtteil. „Wir freuen uns, dass unsere ,Heimat’ zum heimatlichen Stadtteiltreff geworden ist“, sagt Svenja Polick, die mit ihrem Bruder Tim Anfang 2020 als vierte Generation in die Geschäftsleitung des Familienunterneh­mens eingetreten ist. Die Geschwister sind Quereinsteiger, Svenja Polick ist ausgebildete Veranstaltungskauffrau, Tim Polick studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften. Die unterschiedlichen beruflichen Hintergründe bringt das Duo in die Firma ein, so etwa organisierte Svenja Polick bereits einige Veranstaltungen im Cronenberger Stammhaus, Tim Policks Expertise kommt dem Marketing zugute. Inzwischen führen sie den Betrieb zu zweit, nachdem sich Vater Dirk Polick Anfang des Jahres in den Ruhestand verabschiedet hatte. Der Bäckermeis­ter hatte den 1925 zunächst als „Cronenberger Backhaus“ gegründeten Betrieb nach einer Insolvenz unter dem Namen „Policks Backstube“ 2014 erfolgreich neu ausgerichtet. „Natürlich stand die Frage der Nachfolge immer mal wieder im Raum, jedoch ohne Erwartungsdruck. Es war für alle immer klar: Wenn wir das machen, dann freiwillig“, erzählt Svenja Polick. Um zu wissen, ob ihnen der Job liegen würde, machten die beiden zunächst ein Jahr lang ein Traineeship im Betrieb: „Wir haben intensiv alle Bereiche und Abläufe von A – Z kennengelernt und uns dann beide mit etwas zeitlichem Abstand dazu entschieden, uns voll und ganz Policks Backstube zu widmen — und es nicht bereut.“ Mit der bewährten Qualität wollen die Policks ihr Geschäft auch in die Zukunft führen. „Wir backen selbstverständlich selbst. Um Nachwuchs für den Bäckerberuf zu gewinnen, möchten wir die Nachtarbeit reduzieren“, erklärt Svenja Polick. „Dabei spielen langzeitgeführte Teige eine wichtige Rolle, die man bereits am Vortag ansetzen kann, weil sie 16 bis 24 Stunden ruhen müssen.“

Einer der vielen weiteren Treffpunkte und perfekt für den Tagesausklang oder den Auftakt ins Wochenende ist die urige Kneipe „Em Dörpken“ in einem schiefer­vertäfelten Bau an der Rathausstraße; eine reine Schankwirtschaft, wie sie im Buche steht und wie es sie nur noch selten gibt: keine Speisen, nur Getränke, gemeinschaftliches Mitfiebern bei Fußball-Bundesligaspielen, Umschlagplatz für Neuigkeiten aus dem Ort, lokale und regionale Biere wie das Cronenberger Bier von Brauherr Axel Dreyer, Biergarten im Sommer. Nach der Schließung des „Dörfer Fässchens“ ist diese nun die letzte „richtige Kneipe“ in Cronenberg. Dem Vorgängerlokal „Bei Gabi“ in den Räumlichkeiten des „Em Dörpkens“ drohte vor einigen Jahren ebenfalls das „Aus“, die Immobilie stand zum Verkauf; der einzige Interessent wollte die Wirtschaft im Erdgeschoss zumachen. Martin Ott-Mevissen war, wie viele im Stadtteil, treuer Stammgast und kaufte nicht nur das Haus, um seine Lieblingskneipe zu retten, sondern entschied sich wenig später aufgrund der gesundheitlich bedingten Betriebsaufgabe durch die damalige Pächterin mit seiner Frau letztlich dazu, die Kneipe selbst zu betreiben. Nach Renovierungen und behutsamen Modernisierungen feierten die Cronenberger die Neueröffnung des beliebten Lokals Anfang 2025. „Hier ist immer etwas los“, weiß Manfred Farion zu berichten, einer von inzwischen sechs Angestellten. „Das Schöne ist, dass hier Menschen jeden Alters zusammenkommen, egal ob 16 oder 90 Jahre alt.“ Das Dorp hat Platz für alle.

Text: Csilla Letay

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