Dienstschluss - Viel erreicht

Michael Wenge war von 2002 bis 2026 Hauptgeschäftsführer der Bergischen IHK. Mit fast 25 Jahren im Amt war er einer der dienstältesten Hauptgeschäftsführer. Er blickt auf viele Jahre Erfahrung zurück und freut sich auf weitere Aufgaben.

Als ich am 1. Oktober 2001 bei der Bergischen IHK angefangen habe und Anfang 2002 Hauptgeschäftsführer wurde, war die Region mitten in einem schwierigen Strukturwandel. Es gingen viele Industriearbeitsplätze verloren, gleichzeitig fehlten lange die Fördermöglichkeiten, die andere Regionen hatten. Eine wichtige Aufgabe war deshalb, das Bergische stärker in Düsseldorf, Berlin und Brüssel sichtbar zu machen. Besonders stolz bin ich darauf, dass wir gemeinsam mit den Kommunen und vielen Akteuren erstmals größere strukturpolitische Förderprogramme ins Bergische holen konnten. Die Regionale 2006 war dabei ein entscheiden­der Schritt. Daraus sind viele Projekte entstanden, die die Region bis heute prägen.Verändert hat sich auch die IHK selbst. Als ich anfing, hatten wir deutlich mehr Mitarbeitende und noch Standorte in allen drei Städten. Heute arbeiten wir wesentlich konzentrierter und digitaler. Insgesamt ist das Bergische enger zusammengerückt. Viele Netzwerke, Veranstaltungsformate und gemeinsame Initiativen, die heute selbstverständlich erscheinen, mussten damals erst auf­gebaut werden.

Für mich war immer wichtig, dass diese Region von einer besonderen Mischung lebt: Innovation und Tradition. Man kann hier nicht mit dem Revolutionshammer kommen. Veränderungen funktionieren im Bergischen eher evolutionär, Schritt für Schritt. Das ist bis heute eine Stärke der Region.

Ich bin immer gut mit den Menschen hier zurechtgekommen. Die Unterschiede zu Mittelhessen waren gar nicht so groß, wie viele denken. Der Bergische ist vielleicht etwas zurückhaltender als der Rheinländer. Es ist eher eine Liebe auf den zweiten Blick. Dafür ist sie oft beständiger.

Besonders beeindruckt hat mich die Heimatverbundenheit vieler Unternehmer. Der typische Remscheider Unternehmer ist montags in Thailand, donnerstags in Singapur und steht sonntags auf seinem Berg und sagt: „Bei uns in Remscheid ist es am schönsten.“ Das fand ich immer sympathisch.

Solingen ist gefühlt etwas rheinischer geprägt, Wuppertal hat wiederum auch westfälische Einflüsse. Gerade diese Vielfalt macht das Bergische aus. Ich habe mich hier sehr wohlgefühlt.

Ich teile meine Amtszeit inzwischen in zwei Abschnitte: vor dem 13. März 2020 und danach. Mit Corona hat sich vieles verändert. Vorher gab es einzelne große Krisen wie die Finanzkrise 2008. Seit Corona erleben wir eine Kette von Krisen, die praktisch nahtlos ineinander übergehen.

Als die Pandemie begann, haben wir sofort reagiert. Wir haben Hotlines eingerichtet, Informationsangebote aufgebaut und das Haus nie geschlossen. Aber seitdem sind die Herausforderungen für die Unternehmen immer größer geworden. Energiepreise, Rohstoffkosten, Fachkräftemangel oder geopolitische Konflikte wirken gleichzeitig auf die Betriebe ein.

Trotzdem bin ich überzeugt, dass die bergischen Unternehmer eine besondere Fähigkeit haben: Sie stehen wieder auf, wenn es schwierig wird. Sie suchen neue Nischen, entwickeln neue Produkte und passen sich an neue Märkte an. Wandel ist keine Bedrohung, sondern Voraussetzung dafür, erfolgreich zu bleiben. Stillstand ist Rückschritt.

Wenn mir 1994 jemand gezeigt hätte, wie die Welt heute aussieht, hätte ich vieles kaum geglaubt. Deshalb bin ich vorsichtig mit Prognosen. Sicher ist aber: Die großen Themen bleiben Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Die KI wird ähnlich einschneidend sein wie das Internet vor 25 Jahren. Wir erleben diese Revolution bereits. Sie wird Arbeitsprozesse, Geschäftsmodelle und ganze Branchen verändern. Dabei dürfen wir nicht nur die Risiken sehen. Jede industrielle Revolution hat auch neue Chancen geschaffen. Das Entscheidende wird sein, diese Chancen zu nutzen. Gerade das Bergische hat gute Voraussetzungen, weil hier viele hochspezialisierte Unternehmen sitzen, die weltweit erfolgreich sind. Ich bin nach wie vor fasziniert von den vielen Weltmarktführern der Region. Gerade die Verbindung von handwerklicher Qualität, technischem Know-how und Innovationskraft wird auch künftig ein Erfolgsmodell bleiben.

Ich bin nicht der Typ für einen klassischen Ruhestand. Nach fast 25 Jahren fällt mir der Abschied nicht leicht. Die IHK war für mich immer mehr als nur ein Arbeitsplatz. Deshalb möchte ich meine Erfahrungen und Netzwerke weiterhin einbringen. In welcher Form genau, wird sich noch zeigen. Aber ich werde der IHK-Organisation und den Unternehmen sicher verbunden bleiben.

Da gibt es mehrere. Ich habe immer den Solinger Süden und insbesondere Widdert sehr gemocht, mit der Wupper und den vielen Möglichkeiten zum Radfahren und Wandern. In Wuppertal fasziniert mich der Gaskessel, den ich jedem Besucher empfehle. Und natürlich Schloss Burg.

Ganz klar: der Skulpturenpark Wald­frieden in Wuppertal. Wer die Region kennenlernen möchte, sollte dort unbedingt hingehen. Für mich ist das einer dieser Orte, die zeigen, wie besonders das Bergische sein kann.

Das Gespräch führte Eike Rüdebusch.

Mit Ihrer Erlaubnis verwenden wir Google Analytics, um den Traffic auf dieser Website zu analysieren. Sie können Ihre Entscheidung jederzeit unter Datenschutzerklärung ändern.