Hitzesommer - Resilienz aufbauen
Constanze Schmidt ist im Stab des Präsidenten wissenschaftliche Referentin für die Strategische Themenfeldentwicklung Klimaanpassung beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Zu ihren Schwerpunkten gehört die Weiterentwicklung und der Ausbau des Themenfeldes Klimafolgenanpassung.
Laut Prognos-Studie hat die erste Hitzephase im Juni einen Schaden von 6,3 Milliarden Euro verursacht. Schon ein Hitzetag ab 30 Grad Celsius führt zu wirtschaftlichen Verlusten von 431 Millionen Euro, von denen 97 Prozent durch Produktivitätsausfälle entstehen, wie etwa Beschäftigte, die trotz Hitze weiterarbeiten, jedoch weniger effizient.
In Zukunft werden solche Hitzeperioden häufiger auftauchen und länger andauern. Vor diesem Hintergrund drohen Deutschland bis 2030 Schäden von über 100 Milliarden Euro.
Auf das verarbeitende Gewerbe, welches Sachgüter, Rohstoffe und Zwischenprodukte, etwa für die Chemie oder die Autoindustrie, herstellt, entfallen 1,9 Milliarden Euro Schaden. Besonders exponiert sind Tätigkeiten im Freien und Arbeitsplätze mit einer hohen körperlichen Belastung. Dazu gehören die Land- und Bauwirtschaft sowie Logistik- und Industrieunternehmen. Gerade Letztere, etwa in der Kunststoff- oder Metallverarbeitung, haben zudem hitzeempfindliche Produktionssysteme, die eine zusätzliche Kühlung erfordern. In NRW sind energie- und produktionsintensive Unternehmen, vor allem in der Rhein-Ruhr-Region, besonders betroffen. Diese ist durch ihre hohe Dichte und Versiegelung besonders von der Wärmespeicherung belastet. Auch die Bergische Wirtschaft beherbergt viele Unternehmen aus der Produktions- und Chemiesparte. Daher gelten für ihre Stätten ähnliche Herausforderungen. Anders als im Ruhrgebiet können die Durchgrünung und die Höhenlagen für Entlastung sorgen, dafür sammelt sich die Hitze verstärkt in den Talgebieten.
Wichtig ist, dass diese Hitzeperioden nicht als Ausnahmeereignis behandelt werden. Unternehmen sollten sich die Frage stellen, was mit ihrem Betrieb passiert, wenn Phasen von 30 Grad Celsius eine Woche oder länger andauern. Es braucht eine Klimarisikoanalyse, die aufzeigt, welche Konsequenzen für Maschinen, Beschäftigte, Lieferketten sowie Energie- und Wasserversorgung entstehen. Mögliche Maßnahmen zur Gebäudemodernisierung beschränken sich nicht nur auf die Installation von Klimaanlagen mit klimaneutralen Kältemitteln, sondern beinhalten auch eine passive Kühlung, beispielsweise die Entsiegelung und Verschattung von Flächen mit schattenspendender Begrünung. Das schützt auch Beschäftigte, da mit der Hitze die UV-Belastung zunimmt. Relevant ist auch die Arbeitsorganisation, wozu ein Beginn zu kühleren Morgenstunden, längere Pausen am Mittag, aber auch hitzeangepasste Kleidung gehören. Diese Investitionen in die eigene Resilienz, idealerweise unterstützt durch verlässliche staatliche Förderungen, schaffen nachhaltige Mehrwerte, weil sie Ausfälle reduzieren.
Die Kommunen haben, zumindest in der Theorie, die entscheidenden Hebel, gerade im Bereich der Stadtplanung. Sie entscheiden über Grün- und Freiflächen, Baumpflanzungen, Entsiegelungen und auch, ob Gewerbegebiete klimaangepasst gestaltet werden. In der Praxis fehlt es jedoch an personellen und finanziellen Ressourcen. Deshalb stellt sich die Frage, wie sich Kommunen und lokale Unternehmen gegenseitig unterstützen und für Mehrwerte sorgen können, etwa bei der Umgestaltung von Gewerbegebieten, aber auch im Rahmen darüberhinausgehender Kooperationen im Bereich der Klimaresilienz.
Deutschland ist, wie der jüngste Sommer gezeigt hat, noch gar nicht auf solche Hitzeextreme vorbereitet. So sind vielerorts Fahrbahnen aufgebrochen und Bahnstrecken waren nicht befahrbar, weil etwa das Bitumen zwischen den Gleisen geschmolzen ist oder die Steuerungstechnik versagt hat. Das beeinträchtigt nicht nur Pendler, sondern ganze Lieferketten. Deshalb sind Anpassungen bei den verwendeten Baustoffen und den technischen Standards erforderlich, ebenso naturbasierte Lösungen, etwa im Gleisbeet mit der Begrünung von Straßenbahnlinien. Auch müssen aufgrund von Starkregenereignissen Hanglagen zusätzlich gesichert werden, wie ein Zugunglück im Landkreis Biberach Mitte 2025 gezeigt hat.
Das Gespräch führte Martin Wosnitza.