Verlagsveröffentlichung - Vielfalt als Resilienzfaktor
Zwischen Energiekosten, schwacher Konjunktur und internationalem Wettbewerbsdruck: Die wirtschaftliche Diversität des Bergischen Städtedreiecks steht gerade auf dem Prüfstand. Um daraus gestärkt hervorzugehen, sollten Unternehmen konsequent spezialisiert, vernetzt und anpassungsfähig bleiben – oder werden.
Wer durch die Werkhallen, Büros und Labore zwischen Wupper und Wupper-Talsperren geht, erkennt schnell: Das Bergische Städtedreieck ist kein einheitlicher Wirtschaftsraum. In Remscheid dominieren Werkzeugbau, Metallverarbeitung und Automatisierungstechnik. Solingen verbindet die Tradition der Schneidwaren mit Metallverarbeitung, Oberflächentechnik und Automotive-Zulieferung. Wuppertal bringt Chemie, Elektrotechnik, Maschinenbau, Logistik sowie ein dichtes Netz aus wissenschaftsnahen und unternehmensnahen Dienstleistungen mit. Diese Unterschiedlichkeit ist das Ergebnis einer langen industriellen Entwicklung – und die womöglich wichtigste Ressource dieser Wirtschaftsregion in einer Zeit, in der viele gewohnte Geschäftsmodelle unter Druck geraten.
Denn die Konjunkturlage ist angespannt. Zum Jahresbeginn 2026 beurteilten nur 20 Prozent der im Rahmen der Konjunkturumfrage der Bergischen IHK befragten Unternehmen ihre wirtschaftliche Situation als gut, 48 Prozent als befriedigend und 32 Prozent als schlecht. Der Geschäftslageindex lag mit minus 12,9 Punkten zwar leicht über dem Wert des Herbstes 2025, ein Aufschwung zeichnete sich damit aber noch nicht ab. An der Umfrage hatten sich 555 Unternehmen mit rund 21.900 Beschäftigten beteiligt.
Besonders deutlich spürbar ist der Druck im Verarbeitenden Gewerbe. Innerhalb von drei Jahren wurden im Bezirk der Bergischen IHK rund 5.300 industrielle Arbeitsplätze abgebaut. Das macht einen Rückgang um 9,4 Prozent aus. Zum Vergleich: In der gesamten Bundesrepublik sank die Industriebeschäftigung im selben Zeitraum um 2,9 Prozent, in Nordrhein-Westfalen um 3,7 Prozent. Die Region ist wegen ihres überdurchschnittlich hohen Industrieanteils stärker betroffen als viele andere Wirtschaftsräume.
Die Ursachen sind vielschichtig. Hohe Energie- und Rohstoffpreise, steigende Arbeitskosten, bürokratische Anforderungen, unsichere Absatzmärkte und der internationale Wettbewerb treffen auf Unternehmen, die häufig stark exportorientiert und zugleich personalintensiv aufgestellt sind. In der Industrie sieht laut IHK-Umfrage jedes zweite Unternehmen den Anstieg der Arbeitskosten als Belastung – die Ergebnisse zeigen sogar 64 Prozent der Betriebe. Das ist der höchste bislang ermittelte Wert.
Auch die Investitionsbereitschaft bleibt zurückhaltend. Nur 20 Prozent der Unternehmen planten nach eigenen Angaben zum Start des Jahres, ihre Investitionsbudgets 2026 aufzustocken; 26 Prozent wollten sie einschränken. Zugleich erwarten die befragten Betriebe, dass Beschäftigung und Ausbildungsplätze weiter zurückgehen könnten, sofern sich bei Auftragslage und Kostendruck keine Entlastung abzeichnet.
Ist demnach die eigentlich so wettbewerbsrelevante Branchenvielfalt des Bergischen Städtedreiecks nur noch ein strukturelles Erbe aus der Industrialisierungsgeschichte? Oder kann sie wie ein Schutzschild wirken – nicht gegen jeden einzelnen Rückschlag, aber gegen den Verlust ganzer Wertschöpfungsketten?
Ein relevanter Befund: Das Bergische Städtedreieck ist kein Monostruktur-Standort. Es gibt zwar klare industrielle Schwerpunkte, aber keine Abhängigkeit von einer einzigen Branche. Metall, Werkzeuge, Maschinen- und Anlagenbau, Elektrotechnik, Chemie, Automotive, Logistik, Handel, Gesundheit, digitale Dienstleistungen und Handwerk bilden ein engmaschiges Geflecht. Der „Zahlenspiegel 2026“ der Bergischen IHK bündelt die aktuellen Kennzahlen zu dieser Wirtschaftsstruktur und macht sichtbar, wie unterschiedlich die einzelnen Städte und Sektoren aufgestellt sind. Diese Breite ist in der Praxis außerordentlich wertvoll. Schwächelt eine Branche, können andere stabilisieren. Fällt ein Kunde aus, eröffnen sich mitunter neue Märkte. Verliert ein Produkt an Bedeutung, lässt sich das dahinterstehende Know-how in andere Anwendungen überführen. Ein Werkzeughersteller, der Präzisionsfertigung beherrscht, ist nicht automatisch an eine einzige Branche gebunden. Gleiches gilt für Unternehmen der Oberflächentechnik, der Elektrotechnik oder der Spezialchemie: Ihre Verfahren, Materialkompetenzen und Qualitätsstandards sind in vielen Märkten gefragt.
Die Region verfügt zudem über eine bemerkenswerte Dichte an spezialisierten Mittelständlern. Viele von ihnen sind in Nischen weltweit führend, ohne im breiten öffentlichen Bewusstsein präsent zu sein. Diese Hidden Champions sind häufig weniger abhängig von Massenmärkten als von technischer Exzellenz, langfristigen Kundenbeziehungen und der Fähigkeit, komplexe Anforderungen zu lösen. Gerade in schwierigen Konjunkturphasen kann diese Art Positionierung durchaus ein Vorteil sein.
Ein zweiter Schutzmechanismus liegt in der Wandlungsfähigkeit der ansässigen Unternehmen. Die Bergische Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt, dass sie nicht nur produziert, sondern Geschäftsmodelle konstruktiv weiterentwickelt. Aus reinen Zulieferern werden Entwicklungspartner. Aus Komponentenherstellern werden Systemanbieter. Aus Fertigungsbetrieben werden Dienstleister, die Wartung, Instandhaltung, Retrofit, Digitalisierung oder Datenanalyse anbieten.
Dieser Wandel wirkt als Überlebensstrategie. Ein Unternehmen, das lediglich ein Bauteil nach Zeichnung fertigt, ist eher austauschbar als eines, das gemeinsam mit seinem Kunden ein komplettes System entwickelt, produziert, installiert und über den Lebenszyklus hinweg betreut. Wer Prozesswissen, Materialkenntnis und Softwarekompetenz verbindet, schafft höhere Eintrittshürden für Wettbewerber – und ist weniger abhängig von kurzfristigen Preisschwankungen.
Die Digitalisierung beschleunigt diese Entwicklung. Maschinendaten, vorausschauende Wartung, automatisierte Qualitätssicherung und digitale Zwillinge verändern nicht nur die Fertigung, sondern auch das Verhältnis zwischen Hersteller und Kunde. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an IT-Sicherheit, Datenschutz und Qualifizierung. Im Bergischen Städtedreieck hat man diese Herausforderung bereits als gemeinsame Aufgabe erkannt: Mit dem Ausbau zur Cyber-Security-Modellregion sollen kleine und mittlere Unternehmen Unterstützung erhalten, um ihre digitalen Prozesse wirksam abzusichern.
Ein dritter Pfeiler der Resilienz ist die Erschließung neuer Wachstumsfelder. Dazu zählt insbesondere die Energiewende. Für eine Region mit starker Metall- und Maschinenbaukompetenz eröffnen sich in der Wasserstoffwirtschaft, der Elektromobilität, der Energieeffizienz und der Kreislaufwirtschaft neue Anwendungsbereiche. Zwar wird sicher nicht jedes Unternehmen zum Wasserstoffpionier. Jedoch können zahlreiche von ihnen Komponenten, Verfahren, Prüftechnik, Sicherheitstechnik oder Serviceleistungen für diese Märkte bereitstellen.
Wie relevant das Thema inzwischen ist, zeigt der sechste Wasserstoff-Summit, der am 8. Juli 2026 erstmals im Bergischen Städtedreieck stattfand. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung von der Bergischen IHK gemeinsam mit Partnern des Netzwerks „Wasserstoff-Brücke“. Im Mittelpunkt standen unter anderem die Versorgung kleiner und mittlerer Unternehmen, der Ausbau der Infrastruktur sowie die wirtschaftliche Tragfähigkeit von Wasserstoffanwendungen.
Für die regionale Wirtschaft ist das mehr als ein Symbol. Wasserstoff, Batterietechnik, Wärmepumpen, Energieeffizienz und Kreislaufwirtschaft erfordern genau die Kompetenzen, die im Bergischen traditionell stark sind: präzise Fertigung, Materialentwicklung, Anlagenbau, Elektrotechnik, Automatisierung und Engineering. Die Herausforderung besteht darin, aus diesen Fähigkeiten konkrete Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Zeitgleich entfaltet das Bergische Städtedreieck diese Wirkung nicht von selbst; notwendig sind Begegnung, Austausch und konkrete Kooperationen. Beispielsweise ist in einem Maschinenbau-Unternehmen nicht unbedingt bekannt, welche konkreten Lösungen ein Chemieunternehmen oder ein Spezialist der Oberflächentechnik beisteuern könnte. Ein Start-up mit Softwarekompetenz sucht Zugang zu Produktionswissen. Ein Handwerksbetrieb verfügt über Erfahrung in der Gebäudetechnik, die für Energieeffizienz-Projekte wertvoll ist. Wer sich kennt und versteht, kann schneller zusammenarbeiten.
Das wiederum schafft Ansatzpunkte für Politik, Wirtschaftsförderung, Kammern, Hochschulen und Verbände. Entscheidend sind niedrigschwellige Vernetzungsformate, gemeinsame Entwicklungsprojekte, Zugang zu Testfeldern und verlässliche Ansprechpartner für kleine und mittlere Unternehmen. Auch der Zugang zu Fachkräften gehört dazu. Erst mit qualifizierten Fachkräften verlässt eine Diversifizierungsstrategie die theoretische Ebene. Unternehmen brauchen daher attraktive Ausbildungswege, Weiterbildungsangebote und Kooperationen mit Hochschulen, um die benötigten Kompetenzen vor Ort zu entwickeln.
Das Bergische Städtedreieck steht vor einer anspruchsvollen Phase. Die Strukturkrise der Industrie ist real, die Kostenlast hoch, und die Erwartungen für 2026 bleiben verhalten: Zwar rechnen 19 Prozent der Unternehmen mit besseren Geschäftszahlen, 24 Prozent jedoch mit einer Verschlechterung. Der Saldo bleibt damit negativ, wenn auch auf dem besten Niveau seit 2022.
Aber die Region verfügt über etwas, das in Krisenzeiten selten ist: eine breite industrielle und dienstleistungsorientierte Basis, eine hohe Dichte an Spezialisten sowie eine Kultur des Tüftelns und der praktischen Problemlösung. Diese Vielfalt wird dann zum wichtigen Resilienzfaktor, wenn Unternehmen sie aktiv nutzen – über Diversifizierung, Kooperation, Digitalisierung und den Mut, neue Märkte zu erschließen.
Die Stärke des Bergischen liegt nicht darin, dass jede Branche für sich allein perfekt aufgestellt ist – sie liegt darin, dass Metall, Chemie, Elektrotechnik, Werkzeugbau, Logistik, Handwerk und Dienstleistungen so nah beieinanderliegen, dass aus einzelnen Kompetenzen gemeinsame Lösungen entstehen können.